In feines Tuch gekleidet
Mekka der Bekleidungsindustrie rund um die Südwestalb
Die Wäsche von Mey, die Hemden von Einhorn, der Anzug von Boss, das Kleid von Marc Cain. Nirgendwo sonst sind auf so engem Raum so viele Top-Textilunternehmen zu Hause, wie rund um die Südwestalb und im Land insgesamt. Baden-Württemberg kleidet den Rest der Welt in Seide, feinste Baumwolle oder edles Tuch.
Textil hat Tradition im Land. Sie reicht zurück bis ins Mittelalter: Der Ulmer Barchent, diese Mischgewebe aus heimischem Leinen und Baumwolle aus dem vorderen Orient, katapultierte die freie Reichsstadt im ausgehenden 14. Jahrhundert an die Spitze der Weltrangliste in der Textilwirtschaft. Der Handel mit Textilien hatte dem schwäbische Exportweltmeister Wohlstand und Reichtum beschert, der seinen Ausdruck darin fand, dass die Ulmer ihr Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt planten.
Dass der Südwesten noch heute Mekka der Bekleidungsindustrie ist, hat allerdings so gut wie nichts mit dem verflossenen Glanz Ulms zu tun. Um so mehr dagegen mit dem harten Kampf ums nackte Überleben unzähliger Bauernfamilien vor allem auf der Schwäbischen Alb. Er zwang über die Weiterverarbeitung von Flachs zu Leinen und Schafwolle zu Wollgarnen hinaus auch zur heimischen Textilproduktion. So zählte man um 1830 mehr als 30.000 Leinenweber im Nebenerwerb.
Die Große Stunde der Textilindustrie schlug in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war das Ergebnis „einer konsequenten Industriepolitik in Württemberg“, sagt Prof. Josef Kurz, stellvertretender Leiter des Forschungsinstituts Hohenstein in Bönnigheim im Kreis Heilbronn. Binnen zehn Jahren schnellte damals etwa die Zahl der Spindeln in den Websälen von rund 37 000 auf 237 000 nach oben. Getrieben wurde diese Entwicklung aber auch vom rasanten Aufschwung der Textilmaschinenindustrie auf der Zollernalb oder rund um Reutlingen.
Dem Textilsektor bescherte dies den ersten radikalen Strukturwandel vom heimischen Nebenerwerb hin zur industriellen Fertigung. Der zweite – genau so grundlegende – Umbruch wartete auf die Branche in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in dem sich die Textilindustrie nach dem ersten Welttextilabkommen zum Vorboten der Globalisierung mauserte. Als erstes wanderte die Konfektion in kostengünstige Länder ab – über die Anrainerstaaten der EU bis nach Fernost. „Dafür reichten Nähmaschinen“, meinte Kurz. Da man aber anderenorts nähte, war es nur logisch, dass auch Webereien und Spinnereien in die Nachbarschaft der neuen Produktionsstätten zogen. Im Land trieb diese Entwicklung einen Familienbetrieb nach dem anderen ins Aus. Heute ist Inlandsfertigung in der Bekleidungsindustrie mit einem Anteil von nur noch 5 Prozent an der Gesamtproduktion fast schon ein Fremdwort. „Sonderserien, Musterfertigung, Prototypen oder Schnell-Schüsse für den Handel“, dafür braucht man die Fertigungsstätten noch, sagt Dr. Markus Ostrop, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Südwesttextil. Um so wichtiger sind für die gut 27.000 Beschäftigten in den Textil- und Bekleidungsunternehmen im Land Forschung, Entwicklung, Design, Logistik oder Vertrieb.
„Die Textilindustrie ist heute viel differenzierter.“ So umschreibt Kurz den Umstand, dass die Branche nach der erfolgreichen Anpassung an die neue weltwirtschaftliche Arbeitsteilung in der Textilwirtschaft ein vollkommen anderes Gesicht hat. Das Geschäft mit „Spezialitäten und in Marktnischen“ hat die Produktion für Massenmärkte abgelöst.
Technische Textilien für Autositze, medizinische Textilien zur Wundversorgung oder Spezialgewebe für Arbeitskleidung sind hier die Stichworte. Sie werden nicht nur wegen des nötigen hohen Fachwissens der Beschäftigten vor Ort produziert. Hier erweist sich auch die Forschungsinfrastruktur als entscheidender Wettbewerbsvorteil, „die im Bundesvergleich führend ist“, wie Ostrop betont.
Weitere Artikel:
- Technische Textilien als große Chance
- Textilunternehmen im Südwesten
- Mode aus dem schwäbischen Metzingen
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Autor: Nico Frank | 05.11.2009
Models präsentieren auf einem Laufsteg in Berlin die Kreation von ,,Boss Orange" des Metzinger Nobelschneiders, die im Frühjahr/Sommer kommenden Jahers in die Läden kommen soll. Foto: dpa
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