Tür an Tür mit Mutter Erde

Familie Vetter lebt seit acht Jahren in einem Erdhügelhaus

Neenstetten. 

Erhügelhaus Neenstetten Fam. Vetter


Kein Bauträger, kein Architekt, kein Keller und dann auch noch ein Rasen auf dem Dach. Einfach haben es sich Isolde und Otto Vetter gewiss nicht gemacht, als sie vor rund zehn Jahren beschlossen, ein Haus zu bauen. Es sollte ja auch nicht Modell 0815 sein. Vetters wollten ein Erdhügelhaus, und das auf dem Land, im Neenstetter Neubaugebiet.

Erst mal fand die Familie keinen Architekten. Ein Beispiel: „Wir kamen da im Büro mit unseren Vorstellungen an. Doch der Architekt trug uns auf, einen vorgefertigten Fragebogen auszufüllen“, erzählt Otto Vetter. Er werde auf dieser Basis drei Entwürfe fertigen, habe der Architekt erklärt. „Doch wir wollten ein Haus, von dem es keine Pläne in der Schublade gab“, sagt Vetter, von Beruf Maschinenbauingenieur.

Das führte letztendlich dazu, dass das Ehepaar sein Traumhaus selbst plante. Dafür holten sie sich Anregungen und Informationen von überallher, sogar bis nach Österreich reisten sie, um ein Erdhaus in Pyramidenform zu begutachten. „Wo wir etwas ansprechend fanden, haben wir einfach geklingelt“, erzählt Isolde Vetter, gelernte Krankengymnastin und Yoga-Lehrerin. Sie entschieden sich für ein Lehmhaus. Als es an den Entwurf ging, konnten sie zum Glück mit Isolde Vetters Vater rechnen, der Bauzeichner ist. Ein Statiker rechnete den Vetterschen Entwurf durch.

Dass so ein exotisches Erdhaus mitten im Neubaugebiet liegen sollte, machte jedoch dem Gemeinderat zu schaffen. Er beschloss deshalb, zwei Grundstücke am Rande auszuweisen, die dafür von Bauvorgaben befreit wurden. Das war geklärt. Doch für die Vetters kam die nächste Schwierigkeit: Sie mussten die passenden Handwerker finden. Mit dem Baustoff Lehm kennen sich nur wenige aus, kaum einer habe Erfahrung mit einer Wandheizung. Heizkörper wollte die 51-Jährige nämlich nicht im Haus sehen: „Sind die etwa hübsch?“

Baubeginn war 1999, und selbst der sorgte im Dorf für Aufmerksamkeit. Denn als erstes wurde nicht ein Fundament, sondern ein winkelförmiger, hölzerner Dachstuhl auf Stützen errichtet. Das sei nötig gewesen, weil es für Lehmwände keine statischen Berechnungen gibt, erzählt Vetter. Weshalb das Erddach nicht direkt auf die Lehmwände gelegt werden konnte. Das Dachgerüst regte die Phantasie der Passanten an: eine Autowerkstatt, einen Kindergarten, gar einen Supermarkt sahen sie dort entstehen. Im September 2001 bezog das Ehepaar mit seinen zwei Söhnen das Erdhügelhaus. Von dunklem Loch konnte keine Rede mehr sein, drinnen ist es freundlich und hell. Davon konnten sich an die 500 Besucher überzeugen. „Wir haben zwei Mal einen Tag der offenen Tür veranstaltet, um den Verdacht auszuräumen, dass es sich um eine feuchte Höhle handelt“, erzählt Otto Vetter.

Eine Bilanz nach acht Jahren: „Ich fühle mich wohl“, sagt Isolde Vetter. Ein Grund sei, dass sie alles nach ihren Vorstellungen gestalten konnte. Das Klima sei angenehm: Im Sommer kühl, im Winter warm. „Durch die Grasnarbe kommen Temperaturumstellungen im Haus wesentlich später an“, erläutert Otto Vetter. Die Wandheizung strahle eine Wärme wie ein Kachelofen aus, schwärmt seine Frau. Das Haus funktioniert, nur Kleinigkeiten würden sie heute anders machen: „Nicht mehr alle Innenwände mit teuren Lehmziegeln bauen“, meint die Hausherrin. Stellenweise reiche ein Verputz mit Lehm. Gezeigt hat sich, dass sie zu viel Heizungsrohre in den Wänden verlegt haben. Otto Vetter könnte – trotz zweier Doppelgaragen – noch Stauraum gebrauchen. Deshalb hat er eine Scheune angemietet. Und nicht überall ist rund gleich gut: Auf die extra angefertigten Sockelleisten ist Isolde Vetter nicht gut zu sprechen: „Mit denen stehe ich auf Kriegsfuß.“


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Autor: Petra Laible | 23.10.2009

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