Das Beste im Südwesten
Durch Königs Schlüsselloch geguckt: Rundgang durch das Schloss Ludwigsburg
Ludwigsburg.
Niemand kennt das Ludwigsburger Schloss besser als der 59-jährige Ulrich Krüger. „Ich lebe hier schon länger als jeder Herzog oder König“, sagt er, der 1950 als Baby in die elterliche Dienstwohnung im östlichen Flügelbau getragen wurde. Seit 1972 leitet er die Schlossverwaltung, ist Chef von zwölf festen Mitarbeitern und einer Hundertschaft an Aushilfskräften.
1704 wurde der Grundstein gelegt für Deutschlands größten original erhaltenen Barockpalast mit 452 Räumen. Napoleons Heer richtete im Jahr 1805 keinen Schaden an, weil König Friedrich dem Kaiser 12 000 Soldaten mit zum Feldzug gegen Russland schickte. Im Zweiten Weltkrieg fielen zwar drei Brandbomben ins Theater, aber das Feuer konnte rasch erstickt werden – zufällig war ein Löschtrupp anwesend.
Über 250 000 Besucher lassen sich jährlich durch das Schloss führen. Größter Beliebtheit erfreuen sich jene Touren, die einen Blick hinter Prunktreppen, Prachtsäle und Protzapartments erlauben. Diese Kehrseite des Pomps wird seit 1990 gezeigt: „Wir waren damit deutschlandweit Vorreiter“, sagt Krüger stolz. Mittlerweile gehören auch sechs Rundgänge mit Insidern in Originalkostümen zum umfangreichen Angebot für neugierige Besucher. Da entführt Kammerdiener Johann ins Jahr 1809 und verrät Details des höfischen Lotterlebens. Kammerzofe Christine plaudert den Hoftratsch von 1818 aus. Mätresse Amanda gibt intimste Geheimnisse über fürstliche Neigungen in der Biedermeierzeit preis.
Als Schlossverwalter Krüger die Nachfolge seines Vaters antrat, kauften sich 130 000 Besucher eine Karte. „Damals waren wir ein Schlossmuseum, heute sind wir ein Museumsschloss“, beschreibt er den Wandel. Sammlungen mit Mode, Porzellan, Keramik, Gemäldegalerie, ein „Kinderreich“ für junge Gäste sind zu besichtigen. „20 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche“, hat Krüger errechnet, „da muss man in Deutschland weit laufen, bis man so etwas findet.“
Seit 1994 wurden 90 Millionen Euro für die Sanierung der Anlage im 30 Hektar großen Park ausgegeben. Das Prunkstück unter den Staatsimmobilien war immer wieder Schauplatz bedeutender Ereignisse. 1962 reichte hier der französische Staatspräsident Charles de Gaulle dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer die Hand zur Versöhnung. Den Anfang von Gaulles Rede an die deutsche Jugend hat Ulrich Krüger seither nicht vergessen: „Ich beglückwünsche euch, junge Deutsche zu sein, Angehörige eines großen Volkes, das in seiner Geschichte Großes geleistet hat, aber das auch große Fehler begangen hat.“
In der Ahnengalerie mussten die zwölf Kronleuchter wegen de Gaulle 30 Zentimeter höher gehängt werden – der lange Franzose wäre sonst mit seinen Käppi angestoßen. Damals hat Krüger auch Altbundespräsident Theodor Heuss getroffen. Der leutselige Schwabe drückte dem Buben seine Zigarre in den Hand, bevor er die Toilette betrat. „Kannsch ruhig amol dran ziaga.“ Das hat der Knirps sich nicht getraut, „ich war viel zu verdattert“.
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Autor: Hans Georg Frank | 23.10.2009
Gut, dass König Friedrich I. das nicht mehr erleben muss: Ein Kammerdiener, der den Besuchern Indiskretes über seine Majestäten erzählt. Nur eine der zahlreichen Sonderführungen in historischen Kostümen durch Schloss Ludwigsburg. Foto: Werner Kuhnle
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