Demokratische Traditionen in Baden und Württemberg
Die erste Hochburg im Südwesten
Überall in Deutschland hatten sich 1848 schon zu Beginn der Revolution Demokraten und Liberale getrennt organisiert und politisch erbittert bekämpft. Sie alle hatten die Bürgergesellschaft der Zukunft vor Augen, doch sie wählten unterschiedliche Wege zu diesem gemeinsamen Ziel. Knapp zwei Jahrzehnte später, als erneut die staatliche Einheit der deutschen Nation auf die Tagesordnung der Geschichte rückte, standen sie sich wieder gegenüber. Nun in anderer Frontlinie, aber unverändert schroff. Während die meisten Liberalen ausschließlich Preußen zutrauten, den ersehnten deutschen Nationalstaat zu erschaffen, konnten sich die süddeutschen Demokraten einen Staat unter preußischer Führung nur als Zwangsgehäuse vorstellen. Sie warben deshalb für ein föderatives Deutschland.
Heute sind diese Trennlinien vergessen. „Freie Demokratische Partei. Die Liberalen“ – diese Selbstbezeichnung übergreift die politischen Gegensätze, die das reformwillige Bürgertum vor allem im deutschen Südwesten in den nationalpolitisch entscheidenden Jahrzehnten seit 1848 gespalten hatte. Bis dahin waren sie angesichts der gemeinsamen Opposition gegen den Obrigkeitsstaat nicht aufgebrochen. In dieser vormärzlichen Blütezeit des deutschen Frühliberalismus gab der Südwesten, vor allem Baden, den Ton an. Die Erinnerung daran prägt bis heute den Stolz auf die liberalen Traditionen im deutschen Südwesten. Damals wurden sie von Männern wie Carl von Rotteck und Carl Theodor Welcker, Paul Achatius Pfizer oder Ludwig Uhland geschaffen und zum Vorbild für die gesellschaftlichen Reformkräfte in ganz Deutschland.
Der Südwesten wurde zur ersten Hochburg der Liberalen, doch einen südwestdeutschen Liberalismus gab es nicht. Die zentrale politische Bühne, auf der Liberale wirkten, waren die Landtage, und deshalb blieb der frühe Liberalismus auf die Einzelstaaten begrenzt. Als sich das in den 1840er Jahren zu ändern begann, bildete sich ein deutscher Liberalismus heraus, kein baden-württembergischer.
Auch in den Revolutionsjahren 1848/49 ging man in Baden und Württemberg unterschiedliche politische Wege. Württemberg wird zum Musterland einer Revolution, die rasch in parlamentarische Reform überführt wird. Liberale werden in die Regierung aufgenommen, der Landtag verabschiedet Reformgesetze, die Staatsform der Monarchie wird nicht ernsthaft in Frage gestellt. Darin stimmten Liberale und Demokraten trotz ihrer scharfen Konflikte überein.
Ganz anders in Baden. Das Land stand weiter links. Während die meisten württembergischen Demokraten, obwohl Herzensrepublikaner, die Monarchie verteidigten, um eine Radikalisierung der Revolution zu verhindern, wurde Baden 1849 faktisch zur Republik. Als gegen sie preußische Truppen einmarschierten, kam aus Württemberg keine Hilfe. Nicht durch die liberale Regierung und ebenso wenig durch die große Mehrheit der Demokraten.
Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es nicht zu einem liberal-demokratischen Gleichklang im Südwesten. 1860 schaute das liberale Deutschland hoffnungsfroh nach Baden, das eine liberale Regierung erhielt, doch im Gegensatz zum Vormärz formte der Südwesten jetzt nicht mehr den deutschen Liberalismus. Das Experimentierfeld Baden verschwand nationalpolitisch hinter dem, was sich in Preußen tat. Liberale und Demokraten mußten auf die Politik Preußens reagieren, dessen Führungsposition in Deutschland seit 1866 nicht mehr gefährdet war. Österreich schied aus Deutschland aus, und der Norddeutsche Bund entstand. Ob der Rumpfstaat zu einem kleindeutschen Nationalstaat, der auch den Süden umfaßt, erweitert werden könnte, war keineswegs sicher.
Den Nationalstaat ersehnten Liberale und Demokraten gleichermaßen. Doch wie er verfassungspolitisch ausgestaltet werden sollte, über diese Kernfrage spaltete sich das politische Bürgertum und mit ihm seine Parteien. Die Nationalliberalen steckten ihre Reformerwartungen zurück, um das Hauptziel, den Nationalstaat, nicht zu gefährden; die Linksliberalen wollten nicht auf eine energische Liberalisierung verzichten.
Im Südwesten verlief dieser Spaltungsprozeß entlang anderer parteipolitischer Grenzlinien als im übrigen Deutschland. In Baden und noch stärker in Württemberg entstanden erneut, wie 1848/49, starke demokratische Parteien. Sie lehnten kompromißlos einen deutschen Nationalstaat unter preußischer Hegemonie ab. Sich diesem „Großpreußen“ zu widersetzen, nannten die württembergischen Demokraten die „nationale Pflicht Süddeutschlands“. Darin wußten sie sich mit ihrem König einig. Die Entscheidung fiel im deutsch-französischen Krieg. Als aus ihm 1871 der deutsche Nationalstaat unter preußischer Führung hervorging, standen die Demokraten vor einem politischen Scherbe nhaufen. Damals endete die eigenständige demokratische Linie im Gesamtspektrum des deutschen Liberalismus. Wie nun im Laufe des Kaiserreichs aus Demokraten Liberale wurden, läßt sich am deutlichsten in Württemberg verfolgen. Hier lag seit 1848 die Hochburg der Demokraten, und von hier kamen Politiker, die den deutschen Liberalismus bis in die Gegenwart immer wieder prägten.
Julius Haußmann, Carl Mayer und Ludwig Pfau, drei Achtundvierziger des linken Flügels unter den Demokraten und wegen ihres Engagements in der Revolution zu Freiheitsstrafen verurteilt, bildeten seit 1864 ein Führungstrio, das zum Kern der württembergischen Volkspartei wurde. Sie sprengten die liberal-demokratische Einheit, die im nachrevolutionären Jahrzehnt entstanden war. Ihr politisches Glaubensbekenntnis zielte auf eine deutsche Föderation nach Schweizer Vorbild. In einem zentralisierten Nationalstaat, in dem Preußen dominieren würde, sahen sie keine Grundlage für eine Gesellschaft freier Bürger. Deshalb forderten sie: „Die Freiheit muß Preußen in seine Stämme auflösen und der großen Föderation einverleiben.“ Auf dieses Ziel richteten sie die württembergische Volkspartei aus, mit der ihnen etwas gelang, was den Liberalen auch später noch sehr schwer gefallen ist: Sie schufen eine straff organisierte Partei. Julius Haußmann war ihr Baumeister, Carl Mayer ihr begeisternder Redner, Ludwig Pfau ihr Programmatiker.
Ihre Gegner, die auf Preußens nationalpolitische Einigungskraft setzten, sammelten sich in der nationalliberalen Deutschen Partei. An ihrer Spitze stand Julius Hölder, politischer Freund der Drei aus der Revolutionszeit, nun nationalpolitischer Gegner, zu dem die persönlichen Kontakte abgebrochen wurden.
Julius Hölder gehörte dem nationalliberalen Fraktionsvorstand im Reichstag an, in Württemberg stand er an der Spitze der liberalen Landtagsfraktion und wurde 1881 Innenminister. Zeitgenossen sahen darin den Durchbruch zum parlamentarischen Regierungssystem. Diese Hoffnung erwies sich als verfrüht. Dennoch, es war ein erster Schritt. Und die nächsten Schritte gelangen erneut in der Landespolitik, nicht im Reich. Als der Reichstag noch im Vorhof der Macht verharren mußte, wurde in einigen Ländern, auch in Württemberg und Baden, bereits das parlamentarische Regierungssystem erprobt. Allerdings nicht dauerhaft.
Nach ihrem Desaster in den Landtagswahlen von 1870, als die württembergischen Wähler sich mit dem preußischen Sieger versöhnten und die Nationalliberalen zur stärksten Fraktion machten, gehörte Julius Haußmann zu denen, die den Zerfall der demokratischen Partei verhinderten. Doch deren linksliberale Neuorientierung ist nicht mehr mit seinem Namen verbunden, sondern mit dem seiner Söhne Friedrich und Conrad.
Sie und Friedrich Payer gehörten zur jungen Führungsgruppe, welche die württembergischen Demokraten mit dem Nationalstaat versöhnten und ihn zugleich zu liberalisieren suchten. Unter ihrer Führung siegte die Volkspartei, die sich nun dem Linksliberalismus zurechnete, 1895 in den Landtagswahlen triumphal. Die Reform der Verfassung und des Wahlrechts, die 1906 in Württemberg gelang, war nicht zuletzt ihr Werk. Auch in der Reichspolitik suchten sie Reformen zu erreichen. Sie gehörten zu den damals nicht zahlreichen Politikern, die sich für eine volle Parlamentarisierung des Deutschen Reiches einsetzten. In einer großen Reichstagsrede, die in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregte – „Der Liberalismus kann stolz darauf sein“, schrieb eine Berliner Zeitung – forderte Conrad Haußmann 1908, als der Kaiser wieder eine Krise ausgelöst hatte, den Reichskanzler an das Vertrauen im Parlament zu binden. Dies gelang jedoch erst, als der deutsche Nationalstaat in seiner monarchischen Gestalt im Ersten Weltkrieg unterging und als Republik neu geformt wurde.
Der jungen Weimarer Republik diente Haußmann als Abgeordneter in der deutschen und in der württembergischen Nationalversammlung. In beiden gestaltete er die neue parlamentarisch-republikanische Verfassung mit. Paul Löbe, der sozialdemokratische Präsident des Berliner Reichstages, würdigte Engagement und das politische Lebenswerk der beiden Brüder 1922 in seiner Gedächtnisrede auf Conrad Haußmann: Beide haben für den „süddeutschen demokratischen Gedanken“ lange Jahre im Reichstag und im württembergischen Landtag geworben, und Conrad, der seinen Bruder um fast 15 Jahre überlebte, gehöre zu den „namhaftesten Personen“ der deutschen Politik.
Den Niedergang des Liberalismus in der Weimarer Republik erlebte Conrad Haußmann nicht mehr. Diese Verfallsgeschichte verlief im Südwesten nicht weniger dramatisch als im übrigen Deutschland. Sein Sohn Wolfgang begann sein politisches Leben in dieser Zeit, als das liberale Milieu rasch verfiel und bald darauf im nationalsozialistischen Deutschland „liberalistisch“ ein Denunziationswort wurde wie „jüdisch“ und „marxistisch“. Wolfgang Haußmann gehörte seit 1928 dem württembergischen Landesvorstand der Linksliberalen an. Daß er 1945 zu den Liberalen der ersten Stunde in Württemberg zählte, verwundert angesichts dieser Familientradition nicht. Die politische Elite kannte sich. In diesem Netz fielen 1945 Entscheidungen, als neue Institutionen erst geschaffen werden mußten, etwa die Ernennung Arnulf Kletts und Wolfgang Haußmanns zum Stuttgarter Oberbürgermeister und dessen Stellvertreter. In diesem Freundschaftsnetz wurde auch die Gründung einer liberalen Partei beschlossen. Erstmals gelang es nun, die bis dahin übliche parteipolitische Zersplitterung des Liberalismus zu verhindern. Wolfgang Haußmann, Reinhold Maier und Theodor Heuß gehörten dem Vorstand der Demokratischen Volkspartei an – ein Name, mit dem sie an die Parteitradition der württembergischen Demokraten anknüpften. Früher hatte er Liberale und Demokraten getrennt, nun stiftete er Einheit. Leicht fiel sie auch jetzt nicht.
Noch mühsamer und umstritten war es, die drei südwestdeutschen Länder, die von den Besatzungsmächten 1945 eingerichtet wurden, zum Bundesland Baden-Württemberg zu vereinen. Wolfgang Haußmann und Reinhold Maier hatten es früh gefordert; sie gehörten zu den Architekten dieser Neugliederung und auch des neuen „Landesverbandes Baden-Württemberg der FDP/DVP“.
Dieser Rückgriff auf die demokratischen Traditionen im Südwesten hat den Liberalismus in der Bundesrepublik kräftig geprägt. Theodor Heuß hat sie immer wieder angesprochen, und der intellektuelle Kopf des sozialliberalen Aufbruchs seit 1967, Ralf Dahrendorf, fand seinen Rückhalt ebenfalls in der liberalen Partei des Südwestens. Als 1982 die FDP in der Bundespolitik einen Koalitionswechsel vollzog und die Regierung Kohl ermöglichte, erschütterte dies die Landespartei. Doch zu einer Parteispaltung kam es nicht. Diese liberal-demokratische Tradition, die auch im Südwesten die Geschichte des Liberalismus begleitet, scheint beendet zu sein.
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Autor: Dieter Langwiesche | 29.10.2009
Professor Dieter Langewiesche: ,,In der vormärzlichen Blütezeit des deutschen Frühliberalismus gab der Südwesten, vor allem Baden, den Ton an." Foto: Klaus Franke
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