Perlen der Autobauer-Kunst
Der Südwesten hängt am Tropf der Auto-Industrie
Bad Cannstatt. Der Deutsche hat zu Autos ein ganz spezielles Verhältnis - der Schwabe noch viel mehr. Hier wurde das Automobil erfunden, und noch heute hängt das Wohl und Wehe des Bundeslandes vom Fahrzeugbau ab.
In der Ferne ist Verkehr zu hören. Große Bäume säumen den Weg, Kinder spielen. Dann steht man plötzlich davor. Hier fand eine technische und kulturgeschichtliche Revolution statt: Im südlichen Teil des Kurparks in Bad Cannstatt wurde das Auto erfunden. Nachdem Gottlieb Daimler 1882 in eine Villa in der Taubenheimstraße gezogen war, baute er sein Gartenhaus zur Werkstatt um. Zusammen mit Wilhelm Maybach werkelte er Tag und Nacht unter Geheimhaltung an Werkzeugbank und Schmiede am ersten schnell laufenden Motor. Dem Gärtner kam das seltsam vor. Er glaubte an eine Falschmünzerei und holte die Polizei, die misstrauische Blicke auf die Motorteile warf - und wieder abzog. Heute ist das Gewächshaus eine Gedenkstätte mit Zeichnungen, Dokumenten, Fotos.
Seit 2006 ist der Sitz der Daimler AG erneut im nahen Untertürkheim. Im vergangenen Jahr erwirtschaften 270 000 Mitarbeiter des Autokonzerns mit Pkw, Nutzfahrzeugen und Bussen 96 Milliarden Euro Umsatz. Das sind weltweit mehr Menschen als die 240 000, die in Baden-Württemberg im Fahrzeugbau arbeiten. Für den Südwesten ist der Automobilbau mit 74 Milliarden Euro Umsatz im Jahr eine Schlüsselbranche. Jeder dritte deutsche Arbeitsplatz in der Branche befindet sich in Baden-Württemberg. "Allein in der Automobilregion Stuttgart werden jährlich fünf Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert", freut sich Ministerpräsident Günther Oettinger.
Ein anderer Autobauer im Land ist eigentlich ein ganz kleiner - aber mit großem Namen: Porsche. Der Sportwagen-Hersteller ist in jüngster Zeit durch eine Übernahmeschlacht mit VW aufgefallen. Doch die Perle schwäbischer Autokunst baut Fahrzeuge, die in der ganzen Welt beliebt sind. 8000 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Jahr 6,3 Milliarden Euro Umsatz.
Und schließlich gibt es noch einen bedeutenden Autobauer im Land: Audi fertigt mit mehr als 13 000 Mitarbeiter in Neckarsulm. Der Automobilstandort ist die Wiege der Audi-Modelle A8, A6 und A4. Schon seit mehr als 100 Jahren werden in der Region der Flüsse Neckar und Sulm Fahrzeuge gebaut.
Das Automobil ist für das Wirtschaftsministerium "von zentraler Bedeutung für Wohlstand und Beschäftigung". Dazu zählen auch Serviceeinrichtungen rund ums Auto wie der ADAC und vor allem die mehr als 1000 Zulieferer im Südwesten mit ihren 140 000 Mitarbeitern, die für die Automobilhersteller immer mehr Arbeit übernehmen und deshalb immer wichtiger werden. Sie tragen zu einem erheblichen Teil der Wertschöpfung der Autofirmen bei, zum Teil verantworten sie schon 70 Prozent der Kosten eines Autos. Der weltgrößte Autozulieferer Bosch sitzt in Baden-Württemberg, ZF Friedrichshafen auch, Mahle, Tognum, Eberspächer, Recaro, Behr und viele andere. Der Kleinwagen Smart wird hier ebenso gebaut wie die Feuerwehr-Fahrzeuge von Iveco Magirus.
Die Zusammenballung der Autoindustrie in einem Bundesland hat aber auch Nachteile - in der Krise. So stellt die Landesbank Baden-Württemberg fest: "Derzeit sieht es hier viel düsterer aus als im gesamten Bundesgebiet." Es gibt einen Spruch, der immer wieder die Runde macht: Wenn "der Daimler" hustet, dann bekommt das Land eine Lungenentzündung. Die neuesten Zahlen stimmen zumindest bei den Herstellern aber optimistisch.
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Autor: Thomas Veitinger | 19.10.2009
Bei Porsche werden selbst in der Motorenmontage Handschuhe getragen. Fingerspitzengefühl ist wichtig, im Auto-Bau. Foto: Porsche
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