Wellness
Badetempel in Baden-Württemberg
Nackt schreitet die Dame ins Becken des „Großen Herrenbades“ im Palais Thermal in Bad Wildbad. Einige wenige Badende stehen im Thermalwasser am Beckenrand und genießen die mondäne Badeatmosphäre aus einem anderen Jahrhundert. Hohe Säulen münden in Rundbogenarkaden. Bunte Glasfenster leuchten im Sonnenlicht, eine Glasrosette schließt in der Kuppeldecke nach oben ab. Mittendrin thront die marmorne Statue einer Venus. Die Architektur der Badekathedrale aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist derart überwältigend, dass die Gäste von selbst nur noch leise murmeln, die Räumlichkeiten mit Blicken erkunden – und sich vom Plätschern des Wassers berauschen lassen. Hier, wo einst Fürsten Entspannung suchten, ist heute der Badegast König.
Bad Wildbad im Nordschwarzwald ist eines von 57 Heilbädern und Kurorten in Baden-Württemberg, die auf Wellness- und Kurgäste setzen. Das Palais Thermal ist mit fünf Wellness-Stars prädikatisiert und bürgt für Qualität.
Schon 2004 hat der Heilbäderverband Baden-Württemberg mit Erfolg die Initiative ergriffen, dem verwässerten Begriff Wellness mit klaren Kriterien ein Gesicht zu geben. Inzwischen gibt es zwei Kataloge, die zertifizierte Hotels und Thermalbäder mit Wellnes-Stars füllen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmals ist neuerdings auch das Zusatzkriterium „Medical-Wellness“, das über die Wohlfühlangebote hinaus gezielt medizinische Leistungen in Zusammenarbeit mit Badeärzten einschließt.
Die Badetempel sind vor allem an Wochenenden als Naherholungsziele gefragt. Die Menschen schätzen die kurzen Anreisewege und den hohen Nutzen, die die Kurbäder heute bieten, sagt Frank Rieg, Geschäftsführer des Staatsbades Wildbad. Zum Staatsbad gehört neben dem Palais Thermal auch die Vital Therme als Kurmittelbetrieb. Im Gegensatz zu königlichen Zeiten seien heute eine großzügige Saunalandschaft und eine breite Palette an Anwendungen unerlässlich – von der Seifenbürsten-Massage bis zum Wasser-Shiatsu. Den Baden-Württembergern bescheinigt Riek reiche Wellnesserfahrung mit hohen Ansprüchen, schließlich gebe es aufs Land verteilt kaum einen Flecken ohne Bäder.
Ilse und und Paul John aus Karlsruhe gönnen sich heute einen Wellnesstag. Während seine Frau ein Mokka-Peeling vereinbart hat, hat er sich „wieder einmal für eine Wohlfühl-Massage“ entschieden.
Im Palais Thermal wandeln die Badegäste durch eine vielgliedrige historische Badelandschaft. Da gibt es neben dem großen Herrenbad das kleine Herrenbad, neben dem großen Frauenbad das kleine Frauenbad. Hinzu kommen die Fürstenbäder, kleine verwunschene Nischen mit nur einem Badebecken, in denen nur wenige Personen Platz haben. Textilfrei ist nicht Pflicht, doch 70 Prozent der Gäste genössen das Palais Thermal ohne Badekleidung, sagt Riek.
Unabhängig von der breiten Palette an Anwendungen in allen Bädern im Südwesten setzen einzelne Regionen auf besondere Schwerpunkte. Traditionell nutzen die oberschwäbischen Thermalbäder Bad Buchau, Bad Waldsee und Bad Wurzach das Moor als Kurmittel und Werbeträger. Zehn Badeorte, von Überlingen bis nach Kempten in Bayern haben sich zur Oberschwäbischen Bäderstraße zusammengeschlossen. Sie alle huldigen der Fünf-Säulen-Therapie des Badepfarrers Sebastian Kneipp, in der Wasseranwendungen eine zentrale Rolle spielen.
Im Markgräfler Land südlich von Freiburg wird aus der Gutedeltraube nicht nur Wein gekeltert, die Bäder in Badenweiler, Bad Krozingen oder Bad Bellingen setzen die Traube längst auch als Heilmittel ein. In Bad Boll am Rand der Schwäbischen Alb wird Jura-Fango als Heilmittel verwendet. Fast alle Kurbäder profitieren von ihren Heilquellen, deren warmes Wasser allein schon entspannend ist. Die unterschiedlichsten Substanzen, die im Wasser enthalten sind, können entsprechend der Heilanzeigen gezielt gegen körperliche Beschwerden eingesetzt werden.
Auch in den Tiefen des Bodensees und seiner Uferregionen schlummern Warmwasserspeicher. Erst im letzten Jahrzehnt hat man hier begonnen, Thermalwasser zu fördern. Mittlerweile gibt es in Meersburg, Überlingen und Konstanz große Thermenanlagen in unmittelbarer Ufernähe. Wer hier der Sauna entsteigt, kann sich im Bodenseewasser abkühlen.
„Wilde Quellen“ waren es, die in Bad Wildbad bereits im 12. Jahrhundert Badegäste anlockten. Graf Eberhard brachte mit dem Bau des Palais Thermal 1847 die luxuriöse Badewelt nach Bad Wildbad. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Bad ganz im Trend der damaligen Mode maurisiert: Der Orient stand für exotische Wunschträume. Im Palais Thermal bekommen diese in der Maurischen Halle Flügel. Zwischen den Säulen, verziert mit arabischen Stukkaturen, stehen auf dem Mosaikfußboden Ruheliegen, wo sich die Gäste nach den ermüdenden Bädern und Anwendungen entspannen. Auch das Karlsruher Ehepaar hat es sich hier bequem gemacht. „Wellness schlaucht schon ein bisschen“, meint Ilse John. „Doch hier in der Maurischen Halle fühlt man sich fast wie in einem Märchen aus 1001 Nacht.“
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Autor: Hubert Kaltenbach | 30.10.2009
Bad Wildbad im Nordschwarzwald ist eines von 57 Heilbädern und Kurorten in Baden-Württemberg, die auf Wellness- und Kurgäste setzen. Foto: Archivbild
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