Richard Münch im INterview

„Monopole beenden die Wissensevolution“

Ulm. 

Vier von neun deutschen Elite-Unis sind im Südwesten. Sind diese wirklich so viel besser als andere?

RICHARD MÜNCH: In Baden-Württemberg gibt es seit jeher kein eindeutiges Zentrum, sondern eine größere Zahl starker Regionen und Städte, sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Das spiegelt sich auch in der Universitätslandschaft wider. In den 60er und 70er Jahren wurde diese klug ausgebaut. Im Vergleich zu vielen weniger gut ausgestatteten Universitäten konnten die Unis im Südwesten ihr Potential durch die wachsende Drittmittelforschung noch weiter ausbauen. Sie sind deshalb mit viel besseren Voraussetzungen in den Exzellenzwettbewerb gestartet als die meisten Universitäten der anderen Länder.

Die Exzellenzinitiative ist also kein fairer Wettbewerb?

MÜNCH: Im Gegenteil. Es ist ein Pseudowettbewerb, der die seit 20 Jahren wachsende Ungleichheit in der Ausstattung der Universitäten einen entscheidenden Schritt weiter getrieben hat. Diese Strategie schafft Monopolstrukturen, verringert den Wettbewerb und schadet der Innovationsfähigkeit der Forschung in Deutschland.

Sie sprechen in Ihren Arbeiten von einem „Kartell“, das über Forschungsgelder und Exzellenz entscheidet. . .

MÜNCH: Eine kleine Minderheit, nämlich 17 der über 100 Universitäten besetzt mehr als die Hälfte aller Sitze in den Förderausschüssen und Gutachtergremien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dieselben 17 Universitäten verfügen auch über mehr als 50 Prozent der DFG-Fördermittel. Das ist eine kartellartige Struktur in der Forschungsförderung, die monopolartige Strukturen in der Verfügung über Forschungsmittel schafft.

Die Exzellenzinitiative verfestigt aus Ihrer Sicht also verkrustete Strukturen, anstatt sie aufzubrechen?

MÜNCH: Die Exzellenzinitiative wird von zu schlichtem Denken geprägt. Man glaubt, man müsste nur mehr Geld an die ohnehin schon besser ausgestatteten Standorte verteilen, und schon blüht die Wissenschaft in Deutschland auf. Tatsächlich wird das Gegenteil erreicht, weil das neue Geld in die alten Strukturen fließt, die schon lange die Innovationsfähigkeit der Wissenschaft in Deutschland beeinträchtigen. Die einen haben zu viel und arbeiten mit sinkendem Grenznutzen, die anderen haben zu wenig und erreichen nicht mehr die notwendige kritische Masse, um konkurrenzfähig zu sein. Das schränkt den Wettbewerb ein, beeinträchtigt die Innovationsfähigkeit und führt zu einer tendenziellen Schließung der Wissensevolution.

Wo müsste man ansetzen, um die deutsche Forschungslandschaft international nach vorn zu bringen?

MÜNCH: Es gibt zwei Probleme, die Deutschland grundsätzlich von den USA unterscheiden. Erstens: Die Lehrstühle bei uns sind zu hierarchisch strukturiert. Bei 17 Prozent Professoren und 83 Prozent abhängig zuarbeitenden Mitarbeitern gibt es keine Karrierechancen für junge Forscher. Ihr Innovationspotenzial kommt nicht zur Entfaltung, viele wandern ins Ausland ab. Das zweite Problem ist die Spaltung zwischen Universitäten und außeruniversitärer Forschung (etwa in Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten), was zur Unterausstattung der Hochschulen in Forschung und Lehre führt.

Aber an Elite-Unis gibt es doch wirklich exzellente Forschung?

MÜNCH: Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Exzellenzinitiative die Dominanz mancher Unis in bestimmten Feldern bestätigt hat. Der Wettbewerb ist aber eine Materialschlacht, in dem nicht die effiziente Verwendung von Forschungsmitteln zum Erfolg führt. Den Kampf kann man nur mit absoluten Zahlen gewinnen – etwa dem Publikationsoutput insgesamt, unabhängig von den Investitionen, auf denen er beruht. Betrachtet man die prämierten Fachbereiche und Universitäten in relativen Zahlen – etwa in Publikationen pro eingesetztem Personal –, sind sie gar nicht mehr so exzellent, fallen im Vergleich zu anderen Unis teils sogar deutlich ab.


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Autor: Roland Müller | 03.11.2009

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