Der Arzt im Internet ist kein Segen

|
Autorenfoto  Foto: 

Alles ganz einfach im Werbefilmchen des Schweizer Unternehmens, das mit dem
„Doc around the clock“ wirbt:  Auf einem Ausflug fühlt sich Veronika plötzlich unwohl. Was tun? Am cleversten sie ruft bei Medgate an und schildert ihre Symptome. Der Arzt am Telefon empfiehlt ihr zwei Mittel aus der Haus­apotheke und siehe da: Am nächsten Tag ist Veronika fast wieder gesund. Zu Medgate kann man via App sogar Fotos kranker Körperstellen senden, um eine Diagnose samt Rezept zu erhalten. Dass Ärzte, die ihre Patienten nicht persönlich kennen, sie telefonisch oder online behandeln dürfen, könnte hierzulande bald Nachahmung finden. In Baden-Württemberg sollen demnächst „Fernbehandlungs-Modellprojekte“ starten.

Man darf bezweifeln, ob das ein Fortschritt ist. Aufhalten wird man diese Entwicklung dennoch nicht. Umso wichtiger, dass ihr engste Grenzen gesetzt werden, die Wildwuchs und Geschäftemacherei verhindern.

Auf den ersten Blick mag die PC-Sprechstunde reizvoll erscheinen. Niedergestreckt von einem Infekt, muss man sich nicht zum Arzt schleppen, muss nicht im Wartezimmer, seine Viren verbreitend, ausharren, bis man an der Reihe ist. Stattdessen hustet man skypend kräftig in den Bildschirm und erhält per Mail die Krankschreibung. Oder man bekommt zumindest schnell Antwort auf die Frage: Harmlos oder eher nicht? Eine willkommene Ergänzung zur digitalen Selbstdiagnose. Dazu wiederum laden unendlich viele Internetforen ein, in denen Leidende und alle Hypochonder dieser Republik ergründen, in welchem Stadium welcher Erkrankung sie sich gerade befinden und was dagegen zu tun ist. Das wissen sie fortan besser als der Hausarzt, der ja nur sechs Jahre Studium und eine Facharztausbildung genossen hat.

So groß die Vorzüge der Digitalisierung auch sein mögen: Das bisherige Verbot der  Ferntherapie hat seinen Sinn. Das Arzt-Patienten-Verhältnis braucht mehr Vertrauen als der Onlinekauf von Schuhen oder Bratpfannen. Im Idealfall wächst es über Jahre, während bei der Fernberatung verschiedene Mediziner im Callcenter sitzen. Der Hausarzt kann im direkten Gespräch erforschen, ob die Ursache einer Beschwerde vielleicht eher einer seelischen Belastung entspringt, und die körperliche Untersuchung erfüllt im digitalen Zeitalter immer noch denselben Zweck wie unter Hippokrates in der Antike.  Hingegen ist die Simulation aus der Ferne ein Leichtes. Auch der zur Banalisierung neigende Verdränger, der vor dem Bildschirm nur das Nötigste preisgibt und Wichtiges unterschlägt, lässt sich in der Praxis besser aufspüren. Wenig überzeugend ist das Argument, die Fernbehandlung sei ein Mittel gegen den Ärztemangel auf dem Land, unter dem ältere Menschen leiden, weil sie nicht mobil sind. Denn: Auch im Internet sind sie kaum unterwegs.

Mit der Fernbehandlung können die Kassen kräftig sparen, was alle Optimierungsfanatiker beflügeln dürfte.  Am Ende könnte ein Extra-Obolus für den Besuch einer echten Sprechstunde stehen. Spätestens dann wird man fragen: Wie krank ist das denn?

leitartikel@swp.de

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Grimmer im HT-Interview: „Viel Zeit zum Freuen bleibt nicht“

Der neue Crailsheimer Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer spricht über Ehrgeiz, die geplante Verschlankung des Gemeinderats und seine Vision für eine nachhaltige Innenstadt-Belebung. weiter lesen