Die Trümpfe stechen

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Crankos Klassiker in Stuttgart.  Foto: 

60 Choreografien in nur zwölf Jahren – John Cranko hat seiner  Balletttruppe einiges an Erbmasse hinterlassen. Manches ist und bleibt bis heute eingemottet, etwa der legendäre „Pagodenprinz“, mit dem alles anfing. Vor allem die großen Handlungsballette sind dagegen die choreografischen Zugpferde, auch hinaus in alle Welt. So in den nächsten Wochen, wenn das Stuttgarter Ballett nach Singapur und Thailand jettet, die begehrten Shakespeare-Highlights im Gepäck.

Doch zuvor noch „Cranko pur“ zuhause. Der Gründervater, der im Juni 1973 auf dem Heimflug von der USA-Tournee völlig unerwartet starb, wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Wiederum ein Grund zum Feiern, und zum Auftakt der Spielzeit kombiniert Ballett-Intendant Reid Anderson  die beiden neu polierten Repertoire-Perlen „Brouillards“ und „Jeu de cartes“. Diesmal allerdings nicht, wie vor zehn Jahren, mit der Gegenwartsbefragung „Présence“, sondern mit der sehr viel gefälligeren neoklassischen Vivaldi-Adaption „L’Estro Armonico“.

Auffällig dabei: Die Verjüngungskur am Stuttgarter Ballett schreitet munter voran. Gewiss, die alten Kämpen stehen noch immer ihren Mann. Allen voran  Jason Reilly, am Premierenabend  praktisch auf den Tag genau 20 Jahre in den Diensten des Stuttgarter Balletts.

In dem wunderfeinen Ensemble-Gespinst „Brouillards“ werden ihm zwar lediglich einige Handreichungen und Stemmaktionen abverlangt, auch muss Reilly, inzwischen in den Rang eines Kammertänzers erhoben, einem elegischen Pärchen als eine Art Nebenbuhler hinterherschleichen. Man hätte sich das Kraftpaket aber auch recht gut in der Paraderolle des „Joker“ vorstellen können, der die Partien in Crankos Programmklassiker „Jeu de cartes“ gehörig aufmischt.

Doch wie gesagt, der jugendliche Nachwuchs drängt nach vorn, und so gab es hier mit Adhonay Soares da Silva  bereits einen fulminanten Nachfolger im Fach des dynamischen Sprungkraftkerls zu bewundern. „Jeu des cartes“ ist letztlich eine quicklebendige Pokerpartie mit viel Tempo und Tamtam. Der Joker-Störenfried, der in dieser Spielart eigentlich nichts zu suchen hätte, wirbelt die Gesellschaft der präpotenten Buben, verwirrten Herzdamen oder blasierten Flash-Royals mächtig durcheinander und treibt Schabernack mit stupide stolpernden Kartenhäuslern, dass es eine Wonne ist. Soares da Silva macht das so großartig, dass ihn am Ende sogar Egon Madsen auf offener Bühne herzt und abbusselt, der Ur-Joker aus der Uraufführung vor bald 53 Jahren.

Gefühlte fünf Tänzergenerationen später werden am Stuttgarter Ballett die Karten neu gemischt, wenn Tamas Detrich  bald auf Reid  Anderson folgt. Doch nicht zuletzt dank der Crankoschule, demnächst mit eigenem Gebäude, scheint das Reservoir an guten Tänzerinnen und Tänzern unerschöpflich. Die Trümpfe stechen, was sich vor allem im poetischen Mittelteil, in „Brouillards“, erweist. Crankos immer noch höchst ansprechende und dabei anspruchsvolle Ballette verlangen auch dem bestens geschulten Nachwuchs nahezu alles ab. Aber an ihnen wachsen und reifen sie. 

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