Landwirtschaft: Wie viel Freiraum fürs Schwein?

Minister Peter Hauk (CDU) stellt sich am Montag in Oberaspach den schweinehaltenden Bauern. Aufregerthemen sind die Kastenhaltung und die Ferkelkastration.

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Doch, betont Minister Peter Hauk, er sei für Lippenbekenntnisse für die Landwirtschaft. So kontert er den Vorwurf, mehr als schöne Worte hätten Politiker nicht zu bieten. In einer Zeit, in der Bauern von einigen Bürgern als Brunnenvergifter tituliert würden, sei er dafür, „Lippenbekenntnisse für die Landwirtschaft und die Bauern abzugeben“, auch wenn nicht alle politischen Vorhaben wie gewünscht verwirklicht werden könnten. Punktsieg für den Minister, der am Montagabend vor zirka 120 Besuchern in der Frankschen Scheune in Oberaspach spricht. Es sind mehr Bauern und Behördenvertreter da als sonst –  der Ministerbonus zieht noch.

Die Stimmung bei der Versammlung der Schweineerzeuger aus dem Kreis Hall ist entspannter als in den Vorjahren. Die Preise für Schlachtschweine und Ferkel haben etwas angezogen, aktuell kann mehr als kostendeckend produziert werden. Die Bandbreite der Emotionen, mit denen Hauks Rede verfolgt wird, reicht von freundlich über skeptisch bis zu argwöhnisch. Es sei „zermürbend“, sagt Klaus Mugele, Vorsitzender des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems, gegenüber dieser Zeitung, dass es vielfach gesellschaftlicher Konsens sei, querbeet auf allen Tierhaltern herumzuhacken.  Und trotz aller Verbesserungen würden die öffentlichen Beschimpfungen nicht enden: „Das ist unerträglich.“ Deshalb strebe der Bauernverband einen gesamtgesellschaftlichen Grundkonsens an. Die Interessen zwischen Tier- und Naturschutz sowie machbaren Produktionsbedingungen müssten abgewogen und zusammengeführt werden. Mit dem Ziel, dass im Anschluss die Landwirte in Frieden ihrer Arbeit nachgehen können.

Eberfleisch stinkt

Neben der öffentlichen Anprangerung bereiten den Bauern vor allem zwei Punkte Sorgen: das sogenannte Magdeburger Urteil und das Verbot, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Männliche Ferkel zu kastrieren ist in Deutschland seit mehr als 150 Jahren Praxis. Bereits in Lehrbüchern aus dem Jahr 1870 wird das beschrieben, berichtet Dr. Peter Grün, Mitarbeiter des Landwirtschaftsamts Ilshofen. Er ist zuständig für die Beratung von Schweinehaltern. Diese Kastration hat sich eingebürgert, weil  Eberfleisch  bei der Zubereitung stinkt. Nicht jedes Tier sei betroffen, aber immerhin etwa 3 bis 5 Prozent. In Norddeutschland werden deshalb Eber gemästet und in Schlachthöfen lesen „Schnüffler“ die betroffenen Tiere aus. In Süddeutschland steht man der Eberhaltung ablehnender gegenüber. In der Diskussion ist, dass in Bayern und Baden-Württemberg die Tiere örtlich betäubt und dann kastriert werden.  Die Kastration mit Betäubung wurde von der Bundesregierung aus Tierschutzgründen eingeführt. Sie soll ab Januar 2019 gelten. Der Grund: Tiere sollen nicht unnötig Schmerzen leiden.

Die sogenannte Kastenhaltung und das Magdeburger Urteil war das zweite bestimmende Sachthema. Das Oberverwaltungsgericht des Landes Sachsen-Anhalt  hatte erklärt, dass es für ein in einem Kastenstand gehaltenens Schwein möglich sein muss, jederzeit eine Liegeposition in beiden Seitenlagen einzunehmen, bei der seine Gliedmaßen  nicht an Hindernisse stoßen.

Rangkämpfe im Stall

Dieses Urteil, das inzwischen rechtskräftig ist, stellt insbesondere Bauern, die Muttersauen halten und Ferkel für den Markt produzieren, vor Probleme.  Bislang ist es Praxis, besamte Muttersauen für einen Zyklus von 28 Tagen nicht in der Schweinegruppe zu halten, sondern isoliert nebeneinander in Kastenstände zu stellen. So erhöht sich die Chance, dass sich befruchtete Eier in der Gebärmutter einnisten. Peter Hanselmann, Landwirt aus Ge◘rabronn-Unterweiler, berichtet von seinen Erfahrungen: Wenn besamte Sauen in Kästen stehen, dann bestehe eine 90-prozentige Chance, dass die Tiere trächtig werden. Werden die besamten Sauen jedoch gleich in eine Gruppe gestellt, sinke die Chance auf 80 Prozent. Der Grund: In Gruppen tragen die Muttertiere ihre Rangkämpfe aus. Die Folge des Schubsens: Manche Sau wird nicht trächtig.

Nach dem Magdeburger Urteil ist die Unsicherheit unter den Landwirten hoch. Erst 2013 waren neue Tierhaltungsvorschriften in Kraft getreten, die dazu führten, dass Muttersauenhalter ihre Ställe umbauen mussten. Viele hörten damals auf, auch im Landkreis Schwäbisch Hall. Den Bauern, die damals teuer umgebaut hatten, stehen jetzt durch das Urteil möglicherweise weitere Investitionen ins Haus, falls die Fachleute empfehlen, die Kästen deutlich zu verbreitern.

Minister Peter Hauk meinte, vielleicht reiche es, wenn die besamten Sauen nur 5 bis 8 Tage in den Kästen stünden. Doch Peter Hanselmann verweist auf seine Erfahrungen, dass 21 Tage die absolute Untergrenze seien. Wie Hauk sagte, soll die Landwirtschaftliche Versuchsanstalt in Boxberg wissenschaftlich fundierte Daten erforschen.

Unklar ist bei den Landwirten die Rechtslage: Wie lange gelten Übergangsfristen? Minister Peter Hauk erklärte am Montagabend, die Behörden würden dies aktuell nicht kontrollieren und beanstanden.

In Baden-Württemberg wird  nur knapp die Hälfte des hier verzehrten Schweinefleisches selbst erzeugt, heißt es im aktuellen Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung. Während in Norddeutschland sowie Dänemark und Holland Schweineställe mit einigen 10 000 Tieren Usus sind, befinden sich in Baden-­Württemberg knapp die Hälfte der Tiere in Betrieben mit weniger als 1000 Tieren. Das liegt vor allem daran,  dass in Baden-Württemberg die Tierhaltung durch Familienbetriebe geprägt ist.

Klaus Mugele, der Vorsitzende des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems, sagte, dass zirka 15 bis 20 Prozent der in Baden-Württemberg produzierten Schweine in kleinen Metzgereien verarbeitet werden. Für diese sowie für die übrigen im Land aufgezogenen Tiere strebt das Land ein eigenes Label an. Minister Peter Hauk nannte es das „Süddeutsche Landschwein“. Für ein solches Markenschwein könnte ein höherer Erlös generiert werden, so der Plan des Ministeriums. Damit sollen die aufwändigeren Produktionsbedingungen (eigene Futterproduktion, kleinere Ställe) angemessener finanziert werden.

In der Bundesrepublik Deutschland wird mehr Fleisch produziert, als verzehrt wird, vor allem in Nord- und Ostdeutschland. Dieses geht in den Export – zu stetig schwankenden Weltmarktpreisen. Der Strukturwandel schreitet auch in diesem Bereich fort: Um profitabel und kostensparend arbeiten zu können, werden immer größere Ställe mit effektiveren Arbeitsabläufen gebaut.

Weniger Bauern, mehr Tiere. Auf diesen Nenner lässt sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre bringen. Produzierten 2006 im Kreis Schwäbisch Hall noch 1347 Schweinehalter 309 650 Tiere, brachten vergangenes Jahr  684 Halter rund 367500 Tiere auf den Markt. Lange war Hohenlohe eine Hochburg der Ferkelerzeuger. 2006 wurden hier noch 1,3 Millionen Ferkel auf den Markt gebracht, 2016 waren es noch 0,8 Millionen Tiere. Die Zahl der Schweine, die im Kreis gemästet werden, blieb bei mehr als 500 000 Tieren konstant. sel

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