Was sagt Herr Harald Ebner zu...?

Beim Jugendwahlforum blieb keine Zeit, alle schriftlichen Fragen aus dem Publikum an die Bundestagskandidaten zu richten. Wir haben sie ihnen geschickt und Antworten bekommen.

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Harald Ebner beantwortet die Fragen unserer Leser.  Foto: 

Jugendlicher aus Schwäbisch Hall: Wie steht Ihre Partei, stehen Sie, zur Reform der Psychotherapeutenausbildung?

Harald Ebner: Wir brauchen dringend eine Reform der Psychotherapeutenausbildung. Ein zentrales Problem ist die Vergütung der praktischen Tätigkeit. Wir brauchen schnelle Verbesserungen und müssen endlich eine faire Bezahlung ermöglichen. Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ausbildung arbeiten während ihrer praktischen Tätigkeit für wenige Euro in der Stunde oder bekommen gar keine Entlohnung. Sie erbringen psychotherapeutische Leistungen im Praktikantenstatus ohne Anspruch auf Vergütung – und das obwohl sie einen akademischen Abschluss haben. Die Politik muss hier die rechtlichen Grundlagen schaffen, um eine ausreichende Finanzierung aller erforderlichen Qualifizierungsbausteine zu garantieren und eine angemessen Vergütung vergleichbar anderer Berufsgruppen zu ermöglichen.

Benjamin aus Schwäbisch Hall: In den letzten Jahren werden von wachsenden Minderheiten zunehmend wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissenschaft an sich abgelehnt. Gerade bei den Themen Klimawandel, Impfungen und Medizin. Was möchten Sie dagegen unternehmen?

Harald Ebner: Durch das Internet erreicht uns alle täglich eine Flut von Informationen. Informationsbeschaffung scheint nur noch eine Sache von Sekunden zu sein. Auch dadurch werden unzählige „Fake News“ in die Welt gesetzt, deren Überprüfung manchmal eben doch mehr als ein paar Sekunden in Anspruch nimmt. Ich empfehle daher jedem Einzelnen, Nachrichten dahingehend zu prüfen, wo und von wem sie veröffentlicht wurden und nicht sofort unreflektiert weiter zu verbreiten. Hier hat jeder von uns auch eine individuelle Verantwortung. Eine verantwortungsvolle Politik muss sich am aktuell anerkannten Stand der Wissenschaft, aber auch an ethischen Grundsätzen orientieren.

Benjamin aus Schwäbisch Hall: Wieso vertritt Winfried Kretschmann viele Positionen der Grünen nicht (Elektroauto, er fährt einen SUV; gleichgeschlechtliche Ehe, er war dagegen)?

Harald Ebner: Winfried Kretschmann ist Ministerpräsident und zugleich gewählter Abgeordneter unseres Landtages. Als Abgeordneter ist er frei in seinen Entscheidungen und zunächst einmal nur seinem Gewissen unterworfen. Als Ministerprädient trägt er Verantwortung für unser Bundesland, die Unternehmer, Angestellten und seine Bürger*innen. Das ist manchmal ein schwieriger Spagat, den er insgesamt gut meistert. Unterschiede zu grünen Positionen sehe ich im Wesentlichen nicht, gleichwohl müssen unterschiedliche Einschätzungen in einer Partei auch ausdiskutiert werden können. Beim Umstieg auf die Elektromobilität besteht bspw. große Einigkeit mit der Position der Grünen im Bund, nur über die Festlegung eines konkreten Ausstiegsjahres wurde innerhalb der Partei viel diskutiert.

Soweit ich weiß, fährt Winfried Kretschmann zwar privat einen Diesel, aber keinen SUV. Das verwundert nicht, denn es gibt noch zu wenig akzeptable Alternativen. Aber genau das wollen wir ändern.

Seine persönliche Position zur Ehe für alle kenne ich nicht, aber als Ministerpräsident hat er die Initiative der Grün mitregierten Länder im Bundesrat eingebracht und unterstützt. Ebenso hat er im Vorfeld der Abstimmung im Bundestag nochmals die Unterstützung des Landes dafür ausgedrückt.

Anonym: Warum sind die Grünen für hohe Benzinpreise? Das schadet vielen Familien.

Harald Ebner: Uns geht es um bezahlbare Mobilität für alle. Die muss aber gleichzeitig umweltfreundlich und klimaneutral werden. Je schneller wir das hinbekommen, umso besser. Wir haben dazu gute Modelle wie den Mobilitätspass, die Vernetzung der Verkehrsträger, die Beschleunigung der Entwicklung alternativer Antriebe und viele weitere.

Da wir mit unseren natürlichen begrenzten Ressourcen derzeit nicht verantwortungsvoll und nachhaltig umgehen, brauchen wir Instrumente, um deren Verbrauch in vernünftige Bahnen zu lenken. Das ist besonders für Familien wichtig: denn sonst bleibt den Kindern und ihren Kindern keine Welt mehr zum leben.

Anonym: Wie stehen Sie zu dem weltweit steigendem Lebensmittelbedarf? Mit Bio-Produkten können nur circa 1/3 der Erträge erwirtschaftet werden. Und in Deutschland werden Ackerflächen als Blühstreifen verwendet. Ist es für die Grünen in Ordnung, das ineffizient gewirtschaftet wird?

Harald Ebner: Ineffizient läuft momentan vor allem die konventionelle Landwirtschaft. Denn sie verbraucht endliche Ressourcen wie Phosphor und Kali, ist auf hohen Strominput angewiesen zur Herstellung von Mineraldünger und Pestiziden und schädigt im schlechtesten Fall Böden und Ökosysteme so, dass irgendwann überhaupt keine Landwirtschaft mehr möglich ist.

Der Weltagrarbericht hat deshalb auch schon 2008 festgestellt, dass eine nachhaltige Welternährung in Zukunft nur mit einer Transformation zu agrarökologischer Bewirtschaftung möglich sein wird. Der Welternährung würde es außerdem enorm helfen, wenn es weniger Lebensmittelverschwendung gäbe. Weltweit verderben bis zu 40 Prozent der Lebensmittel, statt konsumiert zu werden. Dass der Ökolandbau nur 30 Prozent der Erträge erwirtschaftet, stimmt schlicht nicht. Vergleichende Studien belegen 75 bis 100 Prozent der Erträge im Durchschnitt, und das mit geringerem Ressourceneinsatz. Betrachtet man Effizienz als ehrliche Gegenüberstellung von Input und Output, schneidet der ökologische Landbau deshalb mindestens genauso gut, zum Teil auch ab.

Moritz aus Gaildorf: Was kann Deutschland auf lange Sicht zur Lösung der Nahostkonflikte beitragen? Stichwort: Waffenexporte.

Harald Ebner: Der Nahostkonflikt ist leider seit Jahrzehnten ungelöst. Dauerhafter Frieden in der Region kann nur auf friedlichem Wege gelingen. Voraussetzung dafür ist: die beteiligten Parteien, also Israelis und Palästinenser setzen sich endlich wieder ernsthaft an einen Tisch und dies möglichst ohne Vorbedingungen. Denn ohne Kompromissbereitschaft und Eingeständnisse auf beiden Seiten wird einer dauerhafter Frieden nicht zu erreichen sein. Dies sollte jedoch das Ziel aller handelnden Akteure der Region sein. Deutschland kann hier nur eine Vermittlerrolle einnehmen. Waffenexporte in die Region sehen wir Grünen kritisch, gleichwohl haben wir auch eine besondere Verantwortung gegenüber dem israelischen Staat.

Max aus Schwäbisch Hall: Was wollen Sie gegen den Lehrermangel tun? Wollen Sie Studiengebühren? Wie wollen Sie die Flüchtlingsfrage klären?

Harald Ebner: Um mehr Lehrer an unsere Schulen zu bekommen, müssen wir wieder mehr junge Menschen für diesen Beruf begeistern und ausbilden. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, da ein Lehramtsstudium einige Jahre in Anspruch nimmt. Bis die Bedarfslücke wieder ausgeglichen ist, muss durch eine genau Planung und Verteilung der vorhandenen Lehrkräfte versucht werden, bestehend Lücken auszugleichen. Das wird nicht immer gelingen, daher muss der Beruf vorübergehend auch für Quereinsteiger und entsprechende Qualifizierungsprogramme attraktiv gestaltet werden.

Studiengebühren für Deutsche- und EU-Bürger lehnen wir ab! Auch deshalb haben wir diese in der grün-roten Landesregierung abgeschafft.

Zunächst müssen wir legale Wege für eine Einwanderung nach Europa und auch nach Deutschland etablieren. Es ist beschämend, dass wir zusehen, wie jedes Jahr tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil sie sich mit viel Hoffnung in viel zu kleinen Booten auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa machen. Für die Einwanderung brauchen wir klare Regeln, ein Einwanderungsgesetz für Deutschland ist mehr als überfällig. Klar ist, für Menschen die vor Krieg und Vertreibung flüchten und um Leib und Leben fürchten, kann es keine Obergrenze geben. Das Recht auf Asyl darf schon aufgrund unserer geschichtlichen Erfahrungen nicht in Frage gestellt werden. Wie Europäer müssen endlich beginnen, aktiv die Fluchtursachen wahrzunehmen und vor Ort zu bekämpfen.

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