Ein Haus für 700 Euro

Seit zehn Jahren ermöglicht das Haller Ehepaar Schürrle-Sharkar mit dem Haus- und Schulprojekt  Pushkar Frauen und Kindern in der indischen Wüste Thar ein menschenwürdiges Leben.

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Exotisches Flair im Teurershof: Ronju Sharkar und Florence Schürrle-Sharkar in ihrem Haller Hausgarten. Seit 2007 unterstützt das Paar Kinder und Frauen in der indischen Wüste Thar.  Foto: 

Eine Reise nach Rajasthan mit ihrem Mann Ronju im Jahr 2005 hat das Leben von Florence Schürrle-Sharkar grundlegend verändert. Es war die Begegnung mit einer Gruppe Nomaden, die an der Treppe zum heiligen See vor dem Brahman-Tempel in Pushkar ihre eigenartige, ferne Musik spielten: „Das waren Klänge, wie ich sie noch nie gehört hatte.“

Eine der Frauen lädt das Ehepaar in ihr Zelt in der Wüste Thar ein. Vier Bambusstangen mit zwei Plastiksäcken als Dach — das ist das Zuhause der Familie. Die Kinder sind alle erkältet, da sie in den niedrigen Temperaturen der Wüstennächte auf dem Boden schlafen. Noch nie habe ein Mitglied der Familie eine Schule besucht. Die Frau aus Schwäbisch Hall ist fassungslos: „Ich hatte damals ja schon viel gesehen in Indien, aber dieses Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen.“

Zwei Jahre später kehren die Sharkars mit ihrem Musikensemble „Orient Express“ nach Pushkar zurück und ersetzen die Plastiksäcke der Wohnstatt durch eine feste Zeltplane für 200 Euro. Zwei weitere Jahre und einige Zeltplanen mehr dauert es, bis Florence Schürrle-Sharkar herausfindet, dass ein festes Haus in der Region für umgerechnet 700 Euro zu haben ist. „300 Euro Spendengelder hatten wir dabei, und für den Rest steckte die deutsche Freundin, die uns begleitete, ihr Kärtle in einen Bankautomaten“, beschreibt sie, mit welch geringem Aufwand ein paar noch nicht einmal besonders reiche Deutsche der Nomadenfamilie ein grundlegend besseres Leben ermöglichen konnten. Gerade erwerben die Sharkars mit Hilfe von Spendern bereits das vierte Haus, das für eine Witwe mit drei Kindern bestimmt ist.

Die wertvollen Geschenke waren von Anfang an mit einer Bedingung verbunden: „Die Familien müssen ihre Töchter auf die Schule schicken.“ Heute fördert das Haus- und Schulprojekt Push­kar, wie die Sharkars ihre kleine, aber effektive Hilfsorganisation genannt haben, mit 2400 Euro jährlich den Schulbesuch von 15 Kindern, unterstützt die Hochbegabtenförderung eines Mädchens und sorgt zudem mit weiteren Spendengeldern dafür, dass die Heranwachsenden wenigstens zweimal pro Woche ein gesundes Essen erhalten.

Die Unterstützung der Frauen in einem Land, in dem immer noch häufig abgetrieben wird, wenn sich weiblicher Nachwuchs ankündigt, ist Florence Schürrle-Sharkar besonders wichtig und will gut durchdacht sein: „Wir geben den Frauen niemals Geld in die Hand, weil wir wissen, dass es ihnen die männlichen Familienmitglieder sofort wieder wegnehmen würden.“

Vertrauenspersonen vor Ort, allen voran die indische Franziskanernonne Schwester Serena und der fortschrittlich denkende Unternehmer Gopal Singh, organisieren und beaufsichtigen die Projekte. Manchmal geht es um mehr als um Wohnstatt und Bildung: Einer Mutter finanzierte das Projekt eine Krebsoperation und die anschließende Therapie, einem Zwölfjährigen wurde die dringend notwendige Blasen-Operation ermöglicht.

Unermüdlich sammeln die grauhaarige Lady mit den wachen Augen und ihr in Bangladesch geborener Ehemann Geld für ihre Schützlinge in der Ferne. Einmal im Jahr organisiert Florence Schürrle-Sharkar eine Frauenreise nach Pushkar, damit die meist weiblichen Spender selbst erleben können, wie gut ihre Zuwendungen angelegt werden. Zum zehnjährigen Jubiläum des Haus- und Schulprojekts Pushkar gab es dieses Jahr bereits ein Benefiz-Konzert mit  dem Ensemble „Orient Express“ in der Waldenburger Künstlerkneipe Gleis 1, ein zweites folgt am 30. September im Alten Schlachthaus in Hall.

Auch in der Region will die gelernte Altenpflegerin Menschen helfen: Zweimal pro Monat liest sie im Sonnenhof beim „Erzählcafé“ den Bewohnern der Behinderteneinrichtung leicht verständliche Geschichten vor, die sie selbst schreibt. Wer Märchen mag, wird Gefallen an ihrem Buch finden: „Also sprach der Maharadja“ ist eine Sammlung witziger und poetischer Erzählungen, die im alten Indien spielen.

Florence Schürrle und Ronju Sharkar lernten sich 1978 bei einem Konzert im Stuttgarter „Laboratorium“ kennen. Der Musiker aus Bangladesch trat dort mit seiner Band auf. Die junge Altenpflegerin aus Schwäbisch Hall organisierte eine Kunstausstellung über den bengalischen Dichter, Philosophen, Maler und Komponisten Rabindranath Tagore, dessen Werk sich Ronju Sharkar bei seinem Musikstudium im Besonderen gewidmet hatte. 1988 heirateten sie in Barcelona und leben seit 1989 gemeinsam im Landkreis Hall, seit einigen Jahren direkt in Schwäbisch Hall.  Über die Region hinaus sind die beiden für ihr mobiles Kindertheater mit exotischen Puppen aus Rajasthan bekannt. Einmal im Jahr gastiert die Bühne in der Haller Stadtbibliothek.

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