Demonstranten „haben es satt“

Rudolf Bühler bricht eine Lanze für die bäuerlichen Betriebe und gegen Gentechnik und das Monopol auf Saatgut. Harald Ebner erkennt „erfreuliche Signale“ der konventionellen Landwirtschaft.

|
Vorherige Inhalte
  • Rudolf Bühler, Chef der Bäuerlichen Erzeuger, spricht bei der Demo am vergangenen Samstag  in Berlin. 1/2
    Rudolf Bühler, Chef der Bäuerlichen Erzeuger, spricht bei der Demo am vergangenen Samstag in Berlin. Foto: 
  • Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbandes. 2/2
    Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbandes. Foto: 
Nächste Inhalte

Die Demonstration für eine Wende in der Agrarpolitik, den unter anderem Naturschutzorganisationen, Bio-Verbände und Grüne fordern, gehört schon zum Ritual bei der Grünen Woche in Berlin. Nach Angabe der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) waren es am Samstag 18 000 Menschen, die in einem Protestzug vom Postdamer Platz vor das Brandenburger Tor gezogen sind. Die Demo stand unter dem Motto „Wir haben es satt“ und wurde von 130 Traktoren begleitet.

Die Abschlusskundgebung wurde von Rudolf Bühler, dem Vorsitzenden der BESH, eröffnet. Er nahm die „Machenschaften der internationalen Agrochemiekonzerne, welche Saatzucht und Tierzucht zu Lasten der bäuerlichen Landwirtschaft zu ihrem Geschäftsmodell machen wollten“, aufs Korn. „Wenn die Fusion von Bayer und Monsanto genehmigt werden sollte, wird dieses globale Monopol auf Saatgut das Ende der bäuerlichen Landwirtschaft weltweit bedeuten“, sagte Bühler. Und fuhr fort: „Bauern, welche über Generationen Nutztiere und Nutzpflanzen entwickelt haben, werden damit auf kaltem Wege enteignet.“ Allgemeingut der Menschen in den ländlichen Regionen komme nun in den Besitz des „imperialistischen Großkapitals“.

100 000 Bauern weniger

Kritisiert wurde, dass aufgrund fehlgeleiteter Agrarpolitik in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100 000 Bauernhöfe in Deutschland aufgegeben hätten. Dem hielt Bühler die Politik der BESH entgegen: Das starke Bündnis sichere die Existenz auch kleiner Höfe im Nebenerwerb. Die Verbraucher zahlten für die  bäuerlichen Erzeugnisse höhere Preise, die den Landwirten direkt zugute kämen.

Unter den Demonstranten war auch der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner aus Kirchberg, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik der Grünen-Bundestagsfraktion.  „Wir haben für eine bessere Agrarpolitik, für gute, gesunde Lebensmittel und für eine Landwirtschaft ohne Gentechnik, Pestizide und Massentierhaltung demonstriert“, so Ebner. Er freue sich, dass jetzt auch „aus dem Zentrum der konventionellen Landwirtschaft die Erkenntnis zu hören war, dass es mit immer mehr Chemie auf den Äckern und nur am Wachstum orientiert einfach nicht mehr weitergeht“. Dazu werde weniger Intensivtierhaltung, aber Vielfalt auf den Äckern gebraucht. Landwirtschaft müsse nachhaltig werden. Mit Freiwilligkeit allein werde das nicht funktionieren. „Diese Thesen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft sind mehr als bemerkenswert. Ihr Präsident Bartmer hat die Zeichen der Zeit erkannt“, lobt Ebner. Der FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Bullinger aus Rot am See und argarpolitische Sprecher der Fraktion, sieht es so: „Es geht nicht, dass die vielen hart und ehrlich arbeitenden Landwirte in der Öffentlichkeit als vermeintliche Umweltsünder, Klimakiller und Tierquäler diffamiert werden.“ Die Entfremdung der Gesellschaft von ihrer landwirtschaftlichen Ernährungsgrundlage habe ein bedenkliches Ausmaß erreicht.  Die FDP habe sich auf das Positionspapier „Tiergerecht, innovativ, verantwortungsvoll – Strategien für eine nachhaltige Verbesserung der Nutztierhaltung in Deutschland“ verständigt.

Jedes Jahr zur Grünen Woche riefen Aktivisten aus der Ökoszene den Kampf gegen  „Massentierhaltung“ und „Agrarindustrie“ aus, meint Helmut Bleher, der Geschäftsführer des Bauernverbandes Hall-Hohenlohe-Rems. Bleher hat eine deutlich geringere Beteiligung als in den Vorjahren festgestellt. Das lasse darauf schließen, dass sich das Thema nicht für politischen Stimmungskampf eigne. Zudem sei der Begriff „Massentierhaltung“ von den Gegnern nicht definiert. „Die Veranstalter beteuern zwar, dass unsere bäuerlichen Betriebe nicht gemeint seien. Wenn man aber nachhakt, stellt man fest, dass die allermeisten aufgewühlten Verbraucher aufgrund der verwendeten Polemik genau die in unseren typischen Familienbetrieben verwendeten Haltungsverfahren als Massentierhaltung und Agrarindustrie verstehen“, so Bleher. Um so wichtiger sei es gewesen, dass junge Landwirte in einer Paralleldemo Position bezogen hätten. Unter dem Motto „Dialog statt Protest“ sei ein deutliches Zeichen gesetzt worden. Es müsse Schluss sein mit der „ständigen Verunglimpfung ganz normaler bäuerlicher Betriebe“. Sein Verband fordere in einem Positionspapier einen „gesamtgesellschaftlichen Grundkonsens“ zur Nutztierhaltung, wie in der Delegiertenversammlung beschlossen. Nur in einem offenen Diskurs gebe es die Chance zu einem vernünftigen Dialog und zu echten Lösungen, „an denen wir alle interessiert sind“, so Bleher.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Die „BG“ setzt Zeichen gegen den explodierenden Markt

Die Baugenossenschaft Crailsheim kritisiert die Wohnbaupolitik der letzten Dekade und realisiert 43 neue Wohnungen im Stadtteil Türkei. weiter lesen