Jüdischer Friedhof Steinbach: Immer wieder geschändet

Der jüdische Friedhof in Steinbach wurde vor 25 Jahren geschändet. Das blieb nicht das letzte Mal. Die Akten von damals wurden vernichtet.

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  • Viele Autofahrer werden am jüdischen Friedhof in Steinbach vorbeifahren, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Für die große jüdische Gemeinde war er eins von großer Bedeutung. 1/2
    Viele Autofahrer werden am jüdischen Friedhof in Steinbach vorbeifahren, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Für die große jüdische Gemeinde war er eins von großer Bedeutung. Foto: 
  • Hakenkreuze auf einer Gedenktafel im Jahr 1992. 2/2
    Hakenkreuze auf einer Gedenktafel im Jahr 1992. Foto: 
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Der jüdische Friedhof in Steinbach entzieht sich dem flüchtigen Blick – an der viel befahrenen Durchgangsstraße kurz nach dem Kreisverkehr gelegen, sieht man beim Vorbeifahren eher die Grünfläche des Steilhangs als die wenigen verwitterten Grabsteine hinter dem schlichten Holzzaun.

Von der früher 120-köpfigen jüdischen Gemeinde in Schwäbisch Hall war im Nationalsozialismus durch Auswanderung und Deportation 1942 niemand mehr da, der später dort hätte begraben werden können. Dabei wurde der jüdische Friedhof von 1809 mehrfach geschändet. Von den ehemals etwa 260 Grabsteinen sind deshalb nur noch 112 erhalten, die nach Kriegsende wiederaufgestellt wurden. Im Jahr der deutschen Einheit 1990 wurden auf dem jüdischen Friedhof erstmals seit 1945 von Unbekannten Grabsteine umgestoßen. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1992 jedoch – zum Jahrestag der Pogromnacht 1938 – erschütterte eine erneute Friedhofsschändung die Haller Bevölkerung.

2500 Bürger demonstrieren

Die bis heute unbekannten Täter beschädigten mehrere Grabsteine und beschmierten Denkmale mit Hakenkreuzen. Auch in der Haller Innenstadt wurden Nazisymbole gesprüht. Rund 2500 Menschen trafen sich noch am Abend des 9. November am Marktplatz zu einer Demonstration unter dem Motto „Dem Hass keine Chance“ und wandten sich so gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Nach den rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 gab es 1992 mit den pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und den Morden in Mölln deutschlandweit Anlass zu großer Sorge.

Der damalige Leiter der Haller Polizeidirektion, Gerd Bornschein, hoffte auf schnelle Erfolge bei der Fahndung. 7000 DM Belohnung wurden ausgesetzt. Die zehnköpfige Ermittlungstruppe durchsuchte mehrere Wohnungen und verhörte mindestens 25 verdächtige Personen, wie im Haller Tagblatt zu lesen war.

Die Akten zum Fall der Friedhofsschändung gibt es nicht mehr – sie wurden gemäß der Verjährungsfrist von fünf Jahren vernichtet, so die Staatsanwaltschaft Heilbronn auf Nachfrage. Die damals zuständigen Beamten sind schon lange in Pension.

„Die Tat war kein singuläres Ereignis“, weiß die Pressesprecherin der Stadt Hall, Anna-Franziska Hof. Auch am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2000 habe es nicht nur in Schwäbisch Hall, sondern in ganz Deutschland antisemitisch motivierte Anschläge auf jüdische Friedhöfe gegeben. Eine 14-köpfige Sonderkommission der Polizei sollte klären, wer erneut Grabsteine umgeworfen und mit roten Hakenkreuzen beschmiert hatte. Dafür wurde wieder eine Belohnung ausgesetzt.

„Wir müssen erkennen, dass der Steinbacher Judenfriedhof eine Zielscheibe rechten Terrors ist und Hall keine Insel der Glückseligen“, kommentierte im Jahr 2000 der damalige Chefredakteur des Haller Tagblatts, Rainer Hocher. Keiner der Täter konnte ermittelt werden. Dass Tausende Hallerinnen und Haller gemeinsam für eine offene, solidarische Gesellschaft und gegen Fremdenhass, Antisemitismus und Extremismus demonstrierten, zeigte, dass Schwäbisch Hall für eine weltoffene, friedliche und tolerante Gesellschaft stehe, sagt Pressesprecherin Hof heute. Die Taten sind juristisch verjährt, doch unvergessen geblieben.

Info Der jüdische Friedhof Steinbach steht Besuchern offen. Männer sollten eine Kopfbedeckung tragen. Zum Totengedenken werden kleine Steine auf die Gräber gelegt.

Heute wird auf dem Marktplatz von 18 bis 18.30 Uhr an die Reichspogromnacht gedacht. Die Stadt Hall und die Kirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) – Evangelische Kirche, Katholische Kirche und Methodistische Kirche – sind beteiligt. Im November 1938 verwüsteten nationalsozialistische Schlägertrupps den jüdischen Betsaal in der Oberen Herrngasse und steckten die Synagoge in Steinbach in Brand. 

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