Studenten erfinden "Erben 2.0"

Drei Studenten der Hochschule für Gestaltung ecken mit ihrer Bachelorarbeit an - und entwickeln ihre Idee weiter. Sie haben ein Programm erarbeitet, mit dem Menschen ihr "digitales Erbe" verwalten können.

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Leon Schlechtriem (links) und Julian Dorn schauen noch einmal in ihre Bachelorarbeit. Sie hatten die Idee für das Programm "give", mit dessen Hilfe der digitale Nachlass verwaltet werden kann.  Foto: 

Drei junge Männer sind dem Thema "Tod" unfreiwillig begegnet und haben den Mut, sich damit zu beschäftigen. Als sie an der Hochschule für Gestaltung in Gmünd ihre Bachelorarbeit einreichten, runzelten die Professoren irritiert die Stirn. Leon Schlechtriem, Julian Dorn und Moritz Dobernecker haben sich mit dem Thema "Tod" befasst, besser gesagt, mit dem Thema "Erbschaft". Das scheint im Hochschul-Umfeld, in dem die Kreativität und das Leben pulsieren, weit weg zu sein. Wie nah das Thema doch ist, das musste Leon Schlechtriem erfahren. Sein Stiefvater verstarb - für die Familie ein Schock. Zu Lebzeiten hatten Leon und sein Stiefvater viel gesprochen, über das Leben, nicht aber über den Tod. "Und dann kam die Zeit, in der wir eigentlich trauern wollten, uns aber mit viel Organisatorischem auseinandersetzen mussten."

Sein Stiefvater, ein Künstler, arbeitete als Selbstständiger. Die Familie musste Kunden informieren, Aufträge stornieren, Verträge kündigen. Der Computer seines Stiefvaters war durch ein Passwort geschützt, und das kannte niemand in der Familie. Dabei sind die Angehörigen angehalten, auch die digitalen Spuren, die ein Verstorbener hinterlässt, zu verwalten. "Wir wollten aber gleichzeitig seine Privatsphäre wahren", erinnert sich Leon. Ein Balanceakt für die Familie, die nach langen Diskussionen den Laptop durch einen Fachmann freischalten ließ.

Leon Schlechtriem, der in dieser Zeit mitten in der Themenfindung für die Bachelorarbeit steckte, erzählte seinen Kommilitonen von den Problemen zu Hause, von der Trauer, den vielen Entscheidungen, die er und seine Familie treffen mussten. Und langsam, sehr langsam, entstand eine Idee. "Wir wollten von Anfang an etwas entwickeln, das einen Nutzen hat", erklärt Julian Dorn. Die Idee der "digitalen Nachlassverwaltung" war geboren. Das Prinzip ist simpel: Noch zu Lebzeiten bestimmt der Computernutzer beliebig viele Erben, denen er nach seinem Tod Daten wie etwa Bilder, Dokumente oder auch Passwörter weitergeben möchte. Mit einem Rechtsklick auf der Maus kann er die Datei den unterschiedlichen Erben zuordnen. Mit einer Zusatzfunktion können persönliche Nachrichten und Wünsche formuliert werden. So können Aufgaben verteilt, Erinnerungen gesichert und gleichzeitig die Privatsphäre gewahrt werden.

Die "Erben" erhalten im Vorfeld eine Art Festplatte. Diese wird von einer speziellen Software erkannt, sobald sie an den PC des Verstorbenen angeschlossen wird, selbst dann, wenn dieser mit einem Passwort geschützt ist. Nur die Ordner und Daten, die der Verstorbene dem Besitzer der Festplatte zugewiesen hat, werden überspielt. Sie können individuell gestaltet werden. Aus den Namen der Erben generiert eine spezielle Software ein eigenes Muster. "Es darf nicht nach Tod und Trauer aussehen. Eher wie etwas, das der Person sehr am Herzen liegt."

Die Theorie trifft den Zeitgeist, kann aber über ein wesentliches Problem nicht hinwegtäuschen: Die Idee funktioniert nur, wenn die Computernutzer zu Lebzeiten bereit sind, sich mit dem Thema "Tod" auseinanderzusetzen. Die drei Studenten wissen das und haben im Vorfeld mit einem Soziologen, einem Notar und Angehörigen von kürzlich Verstorbenen gesprochen. Sie wollten ein Gefühl dafür bekommen, wie hoch die Bereitschaft der Menschen ist, sich mit dem Thema "Erbschaft" zu befassen. Das Ergebnis war eindeutig. Die Menschen, die bereits ein Testament gemacht hatten oder sich etwa wegen einer Patientenverfügung mit dem Thema Tod auseinandergesetzt hatten, gaben an, sich für die Möglichkeiten des "digitalen Vererbens" zu interessieren. Die Studenten haben verschiedene Nutzertypen definiert: diejenigen, die ihre Daten sorgfältig verwalten und diejenigen, die mit so etwas im Alltag nicht viel zu tun haben wollen. Sie haben Programmvarianten entwickelt, die sowohl ein tägliches Sortieren erlaubt als auch die Möglichkeit bietet, einmal pro Jahr einen Rundumschlag zu machen.

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