Requiem für einen Ritter

Schwäbischer Rebell aus skandinavischer Sicht? Mit dem Schweden Peter Haber als Götz und in der Regie des Dänen Jan Maagaard hat "Der Götz von Berlichingen" die Burgfestspiele Jagsthausen

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Götz von Berlichingen (Peter Haber, links) redet auf Adelbert von Weislingen (Walter von Hauff ) ein. Foto: Burgfestspiele

eröffnet.

Aus dem Sturm-und-Drang-Stück des jungen Goethe ist ein Requiem geworden. Der Raubritter mit der eisernen Hand ist kein Haudegen, sondern einer, der still auf sein Ende zusteuert. Statt den gesellschaftlichen Umbruch zu verfluchen, fügt sich dieser traurige Held in sein Schicksal.

"Es kommen die Zeiten des Betrugs", resigniert Haber nach zwei Stunden, fast murmelt er Goethes ausdrückliche Zeitkritik. Mit Götz stirbt eine ganze Epoche - wie überhaupt viel gestorben wird in dem Drama, das den 1773 unbeschriebenen Goethe bekannt macht, nicht nur ob des drastischen Zitats, das er dem fränkischen Reichsritter in den Mund legt. Heute gilt der "Götz" als Goethes schwächstes Stück und steht auf kaum einem Spielplan.

Das ist die Herausforderung für Jagsthausen: aus dem Drama vor historischer Kulisse immer wieder andere Aspekte und Bilder kitzeln. Als Provokation taugt das Götz-Zitat heute kaum noch. Andächtig lauscht das Publikum im Burghof dennoch Sommer für Sommer, wenn in der Mitte des Stücks der in seiner Burg Eingekesselte am Fenster steht und dem Anführer der kaiserlichen Truppen in den Hof hinunter ruft: "Vor Ihro Kaiserlichen Majestät hab ich wie immer schuldigen Respekt. Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken."

Der Schwede Haber bewältigt Goethes sperrige Sprache mit Respekt. Das legendäre Götz-Zitat serviert er mit solch beiläufiger Handbewegung, dass die kleine Szene zu den punktgenauen Momenten des Abends wird. Habers vorsichtige, auf die Aussprache konzentrierte Diktion scheint das ganze Ensemble einzunehmen, das Tempo dieses "Götz" ist zurückgenommen, fast vornehm und hat mit der Story vom rauflustigen Söldner, Raubritter und Bauernführer wenig gemein. Der erfahrene Theatermann Haber dominiert ohne aufgeregte Geste die Bühne.

Ein stilisierter metallener Flügel deutet wie wie ein Pfeil nach unten und ordnet die linke Hälfte im Burghof Götz und seiner Welt zu. Ein rotes Kreuz wie ein meterhohes Ausrufezeichen ist die Welt des Klerus, des Kaisers und einer Macht, die sich anschickt, die mittelalterliche Welt abzulösen mit Intrigen und Lügen. Auf der reduzierten Bühne (Peter Schulz) verwischen nach und nach die Interessen, wechselt Götz Jugendfreund, der Feigling Weislingen, mehrfach die Fronten, fließen die verwirrend vielen Ort- und Zeitsprünge ineinander. Das gelingt meist kurzweilig. Wenn die Schergen des Kaisers - dessen Rolle übrigens ist gestrichen - aufmarschieren wie die Blechbüchsenarmee aus der Augsburger Puppenkiste, muss man dann doch schmunzeln.

Wundern mag man sich, warum Franz nach seinem pathetischen Freitod am Strick minutenlang im Torbogen baumelt. Derweil ist Adelheid elegant aus den Armen des Todes zu Boden geglitten.

Karin Klein ist eine kalte Adelheid, der Weislingen des Walter von Hauff ein alternder Playboy. Für den Sound des Mittelalters sorgen die Musiker Sarah Naylot Macleod und Felix von Racknitz, während Markus Stolberg als Narr durch den Abend führt. Genrebilder und Grotesken erinnern an Breughel und Hieronymus Bosch (Kostüme: Marette Oppenberg) - nichts für Puristen also. Schön ist die Idee, die Räte zu Heilbronn als gesichtslose Marionetten und übergroße Schatten darzustellen in den Händen des Klerus. Der skandinavische Blick auf deutsches Rebellentum bleibt ein traditioneller. Herzlicher Applaus für eine Premiere mit starken Bildern, aber auch Längen.

burgfestspiele-jagsthausen.de

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