Rätsel um Ebbe im Kocher - Pegel bei Westheim schwankt innerhalb weniger Stunden

Seit einem Jahr sinkt der Pegel am Kocher zwischen Schwäbisch Hall und Gaildorf immer wieder stundenweise auf einen geringen Wasserstand. Es wird vermutet, dass ein Wasserkraftwerk zu viel Wasser abzieht.

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Dieses Bild entstand am Mittwochabend am Kochersteg bei Rosengarten-Wilhelmsglück: Es fließt wieder Wasser auf der Fischtreppe im Kocher. Am Dienstagnachmittag lag die Treppe trocken. Foto: Ufuk Arslan

Jürgen Pröschel staunte am Dienstag nicht schlecht, als er an den Kochersteg bei Wilhelmsglück kam. Dort wollte der Michelbacher Familienvater mit seinen Kindern und einer befreundeten Familie die im Wasser lebenden Krebse beobachten. "Schon beim Hinunterfahren bemerkte ich, dass von Westheim her wenig Wasser fließt. Unten am Fluss sah ich dann, dass die Fischtreppe trocken liegt und der Wasserstand ungewöhnlich niedrig ist. Da verrecken die Fische und Krebse, wenn die sich nicht mehr bewegen können", befürchtet der Hobby-Angler. Am Vortag war dort noch alles normal, ein deutlich höherer Wasserstand, sagt Pröschel. Am Wehr konnte man erkennen, dass wenige Stunden zuvor noch sehr viel mehr Wasser geflossen sein musste - der Beton war noch nicht abgetrocknet.

Wie eine Nachfrage im Landratsamt ergab, verfolgt der Fachbereich Wasserwirtschaft und Bodenschutz im Haller Landratsamt bereits seit 2011 die Sache: Immer wieder fällt der Pegelstand am Kocher für ein, zwei Stunden massiv ab, um dann kurze Zeit später wieder stark anzusteigen.

Die Aufzeichnungen des Pegels in Gaildorf zeigen für Montag, Dienstag und Mittwoch über die Mittagszeit entsprechende ungewöhnliche Ausschläge. Der Pegelstand fiel an allen drei Tagen für etwa eine Stunde auf 15 Zentimeter, um kurz danach (an zwei Tagen) auf gut einen halben Meter anzusteigen. Normalerweise weist derzeit der Kocher am Pegel Gaildorf eine Höhe von 30 Zentimetern auf.

"Diese Schwankungen können keine natürliche Ursache haben", sagt Sevan Tecer, stellvertretender Fachbereichsleiter im Wasserwirtschaftsamt. Er vermutet vielmehr, dass von einer der Wasserkraftanlagen oberhalb des Gaildorfer Pegels - möglicherweise im Ostalbkreis - unerlaubt Wasser aus dem Fluss abgeleitet wird. "Wenn eine stromerzeugende Turbine voll aufgedreht wird, führt das dazu, dass Wasser aus dem Fluss abgezogen wird." Andere Kraftwerksbesitzer haben die Möglichkeit, Wasser aufzustauen und dann die Turbinen volllaufen zu lassen.

Allerdings: Die Wasserkraftwerke sind dazu verpflichtet, einen bestimmten Wasserstand am Wehr zu halten. "Wir haben bereits die Betreiber der Kraftwerke angeschrieben", sagt Sevan Tecer. Allerdings konnte noch nicht ermittelt werden, wer der Verursacher ist. Am Mittwochnachmittag waren Tecer und seine Mitarbeiter am Steg und am Wasserkraftwerk in Tullau. Auch dort war der Wasserpegel deutlich unter Normalstand. Matthias Kurz, Geschäftsführer der Pappenfabrik Tullau, bestätigt, dass in Tullau am Mittwoch die Turbine abgestellt werden musste, weil zu wenig Wasser im Kocher war. Probleme bereiteten jedoch weniger die Schwankungen der Wassermenge. Hauptproblem sei, dass sowohl 2011 als auch 2012 sehr wenig Wasser im Kocher fließe. In beiden Jahren (2012 mit Durchschnittswerten hochgerechnet) führt der Kocher sogar noch weniger Wasser als im Extremsommer 2003.

Wer aus Flüssen zu viel Wasser abzieht, muss mit einem Bußgeld in mindestens vierstelliger Höhe rechnen. Der Grund für die Reglementierung: "Für Tiere, die in der Land-Wasser-Wechselzone leben, ist es bedrohlich", sagt Sevan Tecer. Auf saisonale Schwankungen könnten die Tiere reagieren, indem sie sich beispielsweise in einen Gumpen zurückziehen. Wenn jedoch Wasser so abrupt abgezogen wird, und Teile des Flussbetts trocken liegen, drohen die Tiere zu verenden.

Das bestätigt Manfred Böhm, Gewässerwart beim Fischzuchtverein Schwäbisch Hall. Dramatische Folgen habe eine solche Absenkung vor allem in der Brutzeit - in den Monaten April, Mai, Juni. Denn: Fische laichen bevorzugt am flachen Ufer. Fällt der Wasserspiegel abrupt, liegt der Laich trocken. Jetzt während der Sommermonate seien von solchen Schwankungen vor allem Kleinlebewesen betroffen: "Die Wasserflöhe kochen dann in ihren Pfützen und verenden." Böhm kündigt an, er wolle Strafanzeige stellen.

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