Sich dunklem Kapitel stellen
Michelbach/Lücke. 20 Interessierte des Bezirksarbeitskreises Frauen besichtigten kürzlich zusammen mit Pfarrer Bernhard Ritter eine der ältesten noch erhaltenen Synagogen in Württemberg - die Synagoge in Michelbach/Lücke.
Die Frauen erfuhren, dass sich bereits 1520 nach der Judenvertreibung in Rothenburg eine kleine jüdische Gemeinde in Michelbach/Lücke angesiedelt hatte. Zirka 100 Jahre später erhielten die Juden von ihrem damaligen Grundherren, dem Fürsten von Schwarzenberg die Privilegien, Grundbesitz zu erwerben, Häuser zu bauen und auch ihre innerreligiösen Angelegenheiten selbst zu regeln. So wurde ihnen dann auch 1756 die Genehmigung für den Bau dieser Synagoge erteilt. Erst 1840 erhielt die jüdische Gemeinde dann auch noch die Erlaubnis, einen eigenen Friedhof am Rande der Gemarkung anzulegen, dadurch blieb ihnen dann der weite Weg nach Schopfloch erspart.
1933 lebten noch 35 Juden in Michelbach/Lücke, die jedoch dann ihre Geschäfte schließen mussten, als die gesellschaftliche Ächtung der Juden begann. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde die Synagoge zwar nicht angezündet, doch die Inneneinrichtung wurde völlig zerstört und das Gebäude durfte fortan nicht mehr genützt werden, später war sie dann Munitions- und Getränkelager. Bereits am 27. November 1938 wurden die ersten Juden über Crailsheim nach Stuttgart abtransportiert. Alle nicht arbeitsfähigen Juden wurden sofort umgebracht, der Rest kam zum Arbeitsdienst ins Konzentrationslager. So kam es, dass bis Ende 1941 die letzten Juden aus Michelbach deportiert wurden - bis zum 22. August 1942 wurde Württemberg so judenfrei gemacht.
Auf dem Friedhof wurden bis 1938 etwa 371 Juden aus den umliegenden Orten Michelbach, Hengstfeld und Wiesenbach bestattet. Da die Gräber grundsätzlich nur einmal belegt werden können, musste dieser schon bald erweitert werden. Da der Friedhof für Juden ein heiliger Ort ist, werden die Männer auch heute noch gebeten, ihn nur mit einer Kopfbedeckung zu betreten.
Erst als vor Jahren die an die Synagoge angebaute Getränkehandlung Ehnes einen Abbruchantrag für das sehr heruntergekommene Gebäude stellte, wurde im Landratsamt festgestellt, dass es sich hier um eine der ältesten erhaltenen Synagogen in Württemberg handelt. Der Abbruch wurde abgelehnt, das Gebäude renoviert und 1984 als jüdische Gedenkstätte wiederhergestellt. Heute gibt es einen Förderverein Synagoge, der es sich zur Aufgabe gemacht hat dieses historische Gebäude für die Nachwelt zu erhalten. Die teilnehmenden Frauen waren durch das Gehörte und Gesehene sehr beeindruckt und empfanden es als sehr wichtig, sich auch diesem dunklen Kapitel der Geschichte zu stellen, das in so unmittelbarer Nähe seine Spuren hinterlassen hat. pm
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
19.06.2010
| Artikel twittern |
|
|
Pfarrer Bernhard Ritter in der Synagoge von Michelbach an der Lücke - eine der ältesten ihrer Art in ganz Baden-Württemberg. Privatfoto
MEISTGELESENE ARTIKEL
Zwischen Bachtal-Schönheit und Miss Deutschland
Sie ist Miss Bayern. Jetzt tritt sie auch bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands an. Die Rede ist von Sarah-Lorraine Riek aus Syrgenstein. Ob sie nun die Krone ins Bachtal holt oder nicht – die 19-Jährige ist gewappnet.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Motorradfahrer bei Streifzusammenstoß schwer verletzt
Illerberg Zu einem schweren Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer ist es am Sonntagmittag gegen 13 Uhr zwischen Illerberg und Witzighausen gekommen. Dieser war zwar lediglich an einem entgegenkommenden Auto vorbeigestreift, erlitt dabei jedoch schwere Verletzungen.... mehr
Familie muss ausziehen - Fünf Kinder in Wohnungsnot
Neu-Ulm Eine Alleinerziehende steht am 8. Juli mit ihren fünf Kindern auf der Straße, wenn sie keine Wohnung findet. Bisher ohne Erfolg, trotz professioneller Unterstützung der Wohnberatung der Neu-Ulmer Diakonie.... mehr
Auto hebt ab und schlägt zehn Meter weiter auf
Ulm - Dornstadt Mindestens einen Verletzten hat es am Sonntag gegeben, als ein VW in Dornstadt über eine Böschung geschanzt war, dabei abgehoben und zehn Meter weiter wieder aufgeschlagen war. Die Insassen des Fahrzeugs flüchteten jedoch.... mehr

ZURÜCK
