Mit Holz hoch hinaus

Holz als Hightech-Baumaterial: Das ist es, was Josef Schlosser begeistert. Der Präsident des Verbands "Holzbau Baden-Württemberg" aus Jagstzell nennt ein Musterbeispiel: eine Windkraftanlage aus Holz.

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Mit ungewöhnlichen Bauten kennt sich Josef Schlosser aus. Nicht allein, dass sein auf Reithallen und Stallungen spezialisiertes Holzbau-Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern inzwischen viele weitere Objekttypen plant und realisiert, das Schlosser-Zimmermeister-Haus setzt selber Zeichen: In den Crailsheimer "Hirtenwiesen" entsteht bald ein Mehrfamilienhaus in Geschossbauweise - aus Holz, versteht sich.

"Der nachwachsende Rohstoff Holz", erläutert der Experte, "bindet nicht nur Kohlendioxid, sondern ist auch jederzeit wiederverwertbar." Das gilt selbst für so futuristisch anmutende Projekte wie das Holz-Windrad nahe Hannover. Dort hat die "Timber-Tower GmbH" ein erstes Windkraftwerk errichtet, das einerseits neue Maßstäbe setzt, andererseits die Fachwelt staunen lässt. "Ist das überhaupt möglich?", fragt sich die Konkurrenz, die bei Windkraftanlagen bislang allein auf Stahl und Beton setzt. Simple Antwort: Es ist möglich. Und wie!

Das junge Start-up-Unternehmen aus Hannover ist gewillt, die Windkrafttechnologie zu revolutionieren. Die obligatorischen Stahltürme ersetzen bei ihnen Holzkonstruktionen. Mehr noch: Sie sehen die Verwendung von Stahl sogar als problematisch an. Und das betrifft nicht nur den Transport einzelner Teile, weil halt manche Straßenbrücke nicht hoch genug ist. Stahl ist ein teures und nur mit hohem Aufwand zu entsorgendes Material. Doch auch die Alternative "Holz" erscheint zunächst ungeeignet: leicht entflammbar und schnell zu brechen.

"Holz verträgt dynamische Lasten besser und ermüdet weniger schnell, kann gut gegen Korrosion geschützt werden und ist außerdem sehr viel preisstabiler als Stahlblech", hält Ingenieur Gregor Prass, einer der Mitinhaber der Timber-Tower GmbH, dagegen. Er arbeitet seit mehr als zehn Jahren für die Windkraftbranche und weiß, dass sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 170 Meter hohe Funktürme aus Holz bauen ließen.

Die Skepsis gegen die Timber-Tower-Idee wich relativ schnell, weil die Hannoveraner aus der Windkraftbranche kamen. Das Resultat ihrer jahrelangen Forschungsarbeit ist nicht etwa ein Holzfachwerk, sondern ein mehreckiger, geschlossener Holzturm, der sich wie seine stählernen "Kollegen" vom (Beton-)Fundament bis zur Spitze verschlankt. Im Inneren verbirgt sich ein hölzernes Gerüst, dass zur Montage der äußeren, etwa 30 Zentimeter dicken Brettsperrholzplatten aus Fichte dient. Diese Platten werden kreuzweise verschachtelt und verleimt, gleichen so die natürlichen Bewegungen des Holzes aus und sorgen für die nötige Stabilität. Versiegelt wird der Turm mit weißer Abdeckfolie - kein Hightech-Produkt übrigens, sondern aus dem Bau von Häuserdächern bewährtes Isolationsmaterial. Prass: "Alle statischen Berechnungen zeigen, dass diese Bauweise tatsächlich stabiler ist als eine Stahlblechkonstruktion."

Selbst im Brandfall hat der Windkraftturm nach zwei Stunden eine ausreichende Standfestigkeit. Selbstverständlich ist der Holzturm aus dem Hause Timber-Tower TÜV-zertifiziert. Die Lebensdauer eines solchen Turms aus insgesamt rund 500 Kubikmetern Holz soll laut Prass bei "bis zu 40 Jahren" liegen, "mindestens". Und auch wirtschaftlich seien die Holztürme rund 20 Prozent rentabler zu betreiben, argumentiert Prass: "Je höher die Türme für Windräder werden, umso günstiger wird die Holzbauweise, mit der leicht 160 Meter hoch gebaut werden kann."

Weitere Argumente der Holzbauer: Der Transport werde günstiger, weil kein Schwertransporter nötig ist, sondern die Bauteile in Standardcontainern angeliefert werden - sie werden erst am Standort zusammengefügt. Zudem könnten bis zu 30 Prozent der Baukosten eines normalen Stahlturms gespart werden. Schließlich könne bei einer Turmhöhe von bis zu 100 Metern auf rund 300 Tonnen Stahlblech verzichtet werden. Und: "Es gibt Hinweise darauf, dass unsere Türme wartungsärmer sein werden", sagt Ingenieur Prass. Sein Leitbild gibt er mit "Effizienz durch Ökologie" an. Nicht nur in diesem Punkt ist er sich also mit Verbands-Präsident Josef Schlosser einig.

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