Legale Form der Misshandlung

Wer kennt ein Kind besser als seine Eltern? Auch um diese Frage ist es kürzlich bei einer Podiumsdiskussion der Jungen Freien Wähler (FW) zum acht- und neunstufigen Gymnasium gegangen.

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Seit der Einführung des G8 in einer "Nacht- und Nebelaktion" im Jahre 2003 in Bayern, ohne dass dafür die pädagogischen und strukturellen Voraussetzungen geschaffen gewesen wären, bestimme dieses Thema die politische Diskussion, so der FW-Landtagsabgeordnete Dr. Peter Bauer. Eine letzte Reparaturmaßnahme am "G8-Murks" sei das sogenannte Flexibilisierungsjahr gewesen, welches nur von 0,3 Prozent der Schüler in Anspruch genommen werde.

Dem bildungspolitischen Sprecher der FW-Landtagsfraktion, Günther Felbinger, zufolge gibt es derzeit kaum ein politisch präsenteres Thema, weshalb die Freien Wähler "die Reißleine gezogen" und ein Volksbegehren vom 3. bis 10. Juli angestrengt hätten. Dabei orientiere man sich an Hessen und Baden-Württemberg, wo man zwischen G8 und G9 frei wählen könne. In Bayern sei das G8 seit zehn Jahren eine Baustelle und habe nie eine uneingeschränkte Akzeptanz erfahren.

Aus mehreren Gründen will der Direktor des Reichsstadtgymnasiums Rothenburg, Walter Först, trotz einer langen SPD-Mitgliedschaft das Volksbegehren unterzeichnen, weil sonst die Gefahr bestehe, dass "wieder nichts geschieht". Institutionen wie die Direktorenvereinigung würden nur "herumeiern", während Schüler und Eltern das G9 unbedingt wiederhaben möchten. Das G8 werde der natürlichen Reifung der jungen Menschen nicht gerecht, weil wichtige Aspekte wie die Freizeit zu kurz kämen.

Gerade die geistige und persönliche Reife der Abiturienten in Bezug auf die Anforderungen im Studium sei enorm wichtig, so Günther Felbinger, weshalb viele nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr einschieben. Viele Eltern treten an die Verantwortlichen mit dem Wunsch heran, dass sie ihrem Kind eine glückliche Kindheit bescheren möchten, was mit dem G8 nur bedingt vereinbar sei. Immerhin kämen aber auch bis zu 30 Prozent der Schüler mit dem G8 sehr gut zurecht, weshalb es auch beibehalten werden sollte.

Günter Koch, Leiter des Albert-Schweizer-Gymnasiums in Crailsheim, berichtete, in Baden-Württemberg sei das G8 nicht ganz so überhastet wie in Bayern eingeführt worden. Obwohl auch dort die Parteien verschiedene Ziele verfolgten, böten bereits 44 Gymnasien das G9 wieder an. Weil sich die Schülerstunden durch das G8 bis auf 36 Stunden erhöht hätten, müsste der Unterricht auf bis zu drei Nachmittage ausgedehnt werden, was zu Klagen von unterschiedlichsten Institutionen wie Vereinen und auch Kirchen geführt hätte. Nach einer Elterninitiative sei man in Crailsheim wieder zum G9 zurückgekehrt, sagte Koch, wobei eine Parallelität von G8 und G9 durchaus machbar und kein großer Aufwand sei. Koch ist zudem überzeugt, dass viele andere Bundesländer nachziehen würden, wenn das G8 in Bayern gekippt werden würde. Dann würden auch wieder mehr Schüler auf die Gymnasien wechseln, die zuletzt trotz Qualifikation die Realschulen vorgezogen hätten, so die allgemeine Übereinstimmung.

Ganz besonders drastisch bewertete ein Besucher die aktuelle Situation: "Das G8 ist eine legale Form der Kindesmisshandlung."

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