Kampf um alte Rechte

Aktuell zu Lebzeiten des Verfassers, verboten von Hitler persönlich, zeitgemäß noch heute: Schillers "Wilhelm Tell" wirft bei den Kreuzgangspielen die brennende Frage nach dem richtigen Leben auf.

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Mit der Idylle ist es bald vorbei: Noch während der Fischerknabe Jenni (Konstantin Krisch) davon singt, wie schön der See lächelt und zum Bade lädt, bricht das Gewitter herein, muss Baumgarten (Timo Klein) nach dem Mord am kaiserlichen Vogt fliehen und wird von Tell (Frank Jordan) über das tosende Gewässer gerettet. Damit sind die Gegensätze markiert, die den Theaterabend der Feuchtwanger Kreuzgangspiele zu einer mitreißenden, komplexen Geschichtsstunde mit grundsätzlichen Bezügen werden lassen.

"Was Not tut, Fährmann, lässt sich alles wagen", mahnt Tell den ob der Gefahr zagenden Fischer Ruodi (Sebastian Faust). Das ist eines der zahlreichen markanten Zitate aus dem Freiheitsepos Schillers, deren nächstes gleich Werner Staudacher (Peter Kaghanovitch) liefert: "Wohl steht das Haus, doch wankt das Haus, auf dem wir bauten." Es ist seine zupackende Frau Gertrud (Gabriele Fischer), die ihn zum Kampf mit dem Herrn der Welt auffordert - ebenso wie Bertha von Bruneck (Anne Patzer) den zum Kaiser übergelaufenen Ulrich von Rudenz (Thomas Huper) mahnen wird: "Kämpfe fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe".

Bis es dazu kommt, müssen die Mannen aus dem Bergland von Schwyz, Uri und Unterwalden allerdings erleben, wie Vogt Geßler (Thomas Karl Hagen) die - in der Gestalt der vollstreckenden Soldaten (Leenert Schrader, Matthias Klösel) gleichwohl lächerlich gemachte - Zwangsherrschaft effektiv auszuleben gedenkt, und der Kaiser den Freiheitsbrief nicht verlängert. Erlittenes Unrecht macht den erwähnten Staudacher aus Schwyz, Tells Schwiegervater Walter Fürst (Wolfgang Beigel) in Uri und den aus Unterwalden geflohenen Arnold von Melchtal (Alexander Ourth) zu Anführern einer Bewegung, die im bekannten Rütli-Schwur gipfelt.

Der Bogen der Unterdrückung wird da überspannt, wo als Folge für Ungehorsam in kaltblütiger Grausamkeit von Tell gefordert wird, auf seinen kleinen Sohn den Apfelschuss abzugeben. Da ist der sadistische Machtmensch Geßler dem Tode geweiht.

Vor der Kulisse mal lichtbeschienener, mal bedrohlich aufragender metallener Berge (Bühnenbild und Kostüme: Hans Winkler) entfaltet sich in der Inszenierung des Schweizer Regisseurs Yves Klein ein Geschehen von äußerster Dramatik, in dem "kleine Leute" über sich hinauswachsen, in dem vordergründig rein menschliche Nöte wie die von Tells Frau Hedwig aber auch ihre unbedingte Berechtigung erfahren. Mit großer Inbrunst wird von den Angehörigen der Gemeinschaft ihr Verlangen nach dem, was seit jeher recht und billig war, vorgetragen, von den Vertretern der Obrigkeit mit ebenso schauspielerisch überzeugendem Nachdruck die Unterdrückung zelebriert.

Nicht weniger als 28 Schauspieler geben noch weitaus mehr Akteuren Gestalt, deren Gewänder (Gewandmeisterei Heike Engelbert) wahrscheinlich nicht ohne Grund an den Absolutismus der Schillerzeit gemahnen.

Info Mehr zu den weiteren Aufführungsterminen (bis 8. August) und Kartenbestellungen unter Telefon (09852) 90444 oder auf

www.kreuzgangspiele.de.

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