Junger Israeli auf Spurensuche

Schimon Grossmann hoffte, mehr über Verwandte zu erfahren, als er sich ans Museum wandte, um mit jemandem Kontakt zu bekommen, der sich mit dem Leben der Juden in Mergentheim beschäftigt.

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Manches Dokument jüdischer Geschichte ist verschwunden, wie im Grabstein für Berta Kahn die Platte mit der Inschrift für das im Jahr 1906 gestorbene Kind. Foto: Hartwig Behr

Schimon Grossmann, 1977 in Haifa geboren, wohnt seit einiger Zeit in Deutschland. Er wusste, dass ein Teil seiner Familie um 1870 in Steinbach bei Lohr am Main lebte und dass Kinder seines Ururgroßvaters Sigmund Kahn von dort nach Mergentheim gezogen waren. Er wandte sich im Januar an das Deutschordensmuseum. Man leitete Grossmanns Mail weiter an den gelegentlichen Mitarbeiter Hartwig Behr. Dieser schlug zunächst in Hermann Fechenbachs Buch "Die letzten Mergentheimer Juden" nach, wo man eine Liste mit den meisten der zwischen 1933 und 1942 hier lebenden Juden findet, ihre Lebensdaten erfährt und wann sie emigrierten oder deportiert wurden. Dort werden auch die Mitglieder der Familie Kahn erwähnt.

Diese Nachricht erhielt Grossmann. Für seinen Familienstammbaum übernahm er die Daten. Er signalisierte, dass er gern die Lebensorte seiner Verwandten kennenlernen würde. Behr recherchierte weiter, so in Adressbüchern von 1920 bis 1939 und in weiteren Listen, in denen er die Wohnungen der Brüder von Grossmanns Urgroßmutter Frieda fand, die 1907 in Erfelden bei Darmstadt geheiratet hatte. Deren Nachkommen waren ins spätere Israel ausgewandert.

Friedas Bruder, der Viehhändler Max Kahn, geboren 1875, kam 1904 als erster von vier Brüdern nach Mergentheim. Er wohnte am Unteren Graben 7. Es folgten seine Brüder Benno, auch Viehhändler, der zunächst in der Burgstraße 1, später in der Herrenmühlstraße 20 lebte, sowie Hugo, der in der Unteren Mauergasse 11 ein Textilgeschäft führte, und schließlich Julius, der bei Max Kahn wohnte, wohin als Witwer schließlich auch der Vater Sigmund 1910 zog.

Ein erwähnenswerter Fund ist die Dankanzeige der Brüder anlässlich der Beerdigung ihres Vaters 1927: Sigmund Kahn - heißt es dort - war Veteran der Kriege von 1866 und 1870/1. Er starb in der Zeit, als man den Juden zu Unrecht mangelnden Einsatz im Ersten Weltkrieg vorwarf. Nathan, der jüngste Sohn Sigmunds, war 1915 im Ersten Weltkrieg gefallen.

Als Schimon Grossmann an die Tauber reiste, besuchte er zuerst den Friedhof in Unterbalbach, wo außer seinem Ururgroßvater auch Berta, die Tochter von Max Kahn, liegt, die zweijährig 1906 starb. Max Kahn und seine Frau Rosa hatten sieben weitere Kinder, die alle emigrierten, zumeist nach New York - wie auch die Eltern, die es gerade noch vor dem Novemberpogrom 1938 schafften. In deren Haus am Unteren Graben wurde aber der 68-jährige Rabbiner Dr. Kahn damals übel malträtiert. Trotz dieser Untaten waren drei Töchter der Kahns, Dora Mayer, Erna Sanford Croft und Rita Lowenberg, 1983 und 1990 mit ihren Männern in Mergentheim, als sie eingeladen wurden, ihre Heimat zu besuchen.

Hugo Kahn, der die Mergentheimerin Bertha Jonas geheiratet hatte, musste den antisemitischen Druck am längsten erleiden. Das Ehepaar war gezwungen, mehrmals umzuziehen. Sie lebten von 1939 an im sogenannten Rabbinerhaus in der Holzapfelgasse, konnten aber im September 1941 Deutschland noch verlassen. Ihre Kinder Manfred und Lydia waren schon 1934 und 1937 nach New York übergesiedelt.

Nachdem Grossmann und Behr die Häuser besucht hatten, führte sie ihr Weg in die jüdische Abteilung des Deutschordensmuseums, wo neben Gegenständen und Bildern jüdischen Lebens auch die Mergentheimer Deportationsliste von 1941 ausgestellt ist. Bei der Betrachtung des Denkmals im Äußeren Schlosshof musste Schimon Grossmann sehen, dass die Familie von Benno Kahn, die nach 1933 noch hier lebte, im Krieg ermordet worden ist. Benno, seine Frau Therese und die Tochter Marianne waren zwar 1935 nach Rotterdam ausgewandert, aber sie wurden wie der Ehemann Mariannes in den Niederlanden gefangen und 1943 nach Sobibor gebracht und getötet.

Grossmann sagte zum Abschied, dass er noch mehr über seine Verwandten erfahren möchte, etwa, was in den Finanzamtsakten über seine Familie festgehalten ist.

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