Infopulse evakuiert Entwickler

Vor zwei Jahren war er begeisterter Zeuge der Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine. Jetzt erlebt der IT-Unternehmer Thomas Messer dramatische Zeiten. Seine Luhansker Mitarbeiter wurden evakuiert.

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Thomas Messer arbeitet seit Jahren mit ukrainischen IT-Spezialisten.

Im Februar war Thomas Messer das letzte Mal in Luhansk. Das Thermometer zeigte 26 Minusgrade, die Stadt war ruhig - offenbar war es zu kalt für revolutionäre Umtriebe. Heute würde der IT-Unternehmer aus Honkling die Region nicht mehr besuchen: Russische Separatisten kontrollieren die Stadt, es bestehe die sehr konkrete Gefahr, als Geisel festgehalten zu werden, sagt Messer.

Auch seine Mitarbeiter sind nicht mehr dort. 50 Entwickler der ukrainischen Firma Infopulse, die vor fünf Jahren Messers Kiewer Software-Firma übernahm und deren deutschen Vertriebsarm er heute leitet, wurden mit ihren Familien aus Luhansk nach Shitomir evakuiert. Auf Messers Empfehlung wurde die Evakuierung betrieblich angeordnet. Nur sechs der sechzig Entwickler folgten der Anordnung nicht.

Thomas Messer arbeitet schon seit fast 20 Jahren mit ukrainischen Software-Ingenieuren zusammen. Die Leute seien richtig gut und international konkurrenzfähig, meint er - nach einem Bericht der "Welt" rangiert die Ukraine in der Liste der Länder mit der höchsten Anzahl von IT-Spezialisten auf Platz vier. Dass die Luhansker Niederlassung geschlossen und die Entwickler evakuiert wurden, hätten die Infopulse-Kunden jedenfalls gar nicht bemerkt, betont Messer.

Problematisch sei allerdings die Neu-Akquise. Seit dem Beginn der Krise im November letzten Jahres gebe es keine neuen Aufträge mehr. Die unsichere Lage in der Ukraine veranlasse potenzielle Kunden abzuwarten. Und genau das, meint Messer, sei der falsche Weg. Die Menschen in der Ukraine hätten für ihre Unabhängigkeit viel riskiert und viel getan. Sanktionen gegen Russland seien wohl nicht verkehrt, auf der anderen Seite aber dürfe man den Ukrainern nicht die Lebensgrundlage entziehen. Messer hofft nun auf fruchtbare Gespräche beim Wirtschaftstag, der am Donnerstag in Berlin stattfinden wird und auf dem sich auch die Infopulse präsentieren wird.

Warum die Situation in den letzten Monaten dermaßen eskaliert ist, kann auch Thomas Messer nur schwer erklären. Dass der russische Präsident Wladimir Putin den Sturz des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch und die Annäherung an EU und NATO als Bedrohung auffasst, kann er noch verstehen. Mittlerweile aber stelle sich ihm die Frage, ob Putin noch die Kontrolle über die Separatisten habe, die vor allem im Osten aktiv sind.

Klar ist aber, dass das Verhältnis zu Russland irreparabel geschädigt ist. Der ursprünglich links-emanzipatorische Protest der Majdan-Bewegung habe sich verselbständigt, sagt Messer. Ukrainische Oligarchen mischten nun ebenso mit wie extreme Nationalisten. Im Gegensatz zu den Behauptungen der russischen Medien, betont Messer, spiele die extreme Rechte in der Ukraine aber politisch keine Rolle.

Dafür komme nun ein anderes Element ins Spiel. Thomas Messer empfindet die Ukrainer als "liebenswürdig und friedfertig" - jetzt erlebt er sie hasserfüllt. Die "Tragödie von Odessa", bei der am 2. Mai mindestens 46 Menschen ihr Leben verloren, die meisten davon prorussische Aktivisten, bezeichnet Messer als "Hassorgie". Und viele Ukrainer, mit denen er gesprochen habe, hätten Verständnis gezeigt. "Das hat mich erschreckt."

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