Gespräch über Pfarrer-Aufzeichnungen ab 1933

Wer in den Archiven gräbt, findet oft Unerwartetes. Kurt Oesterle ist so an die Familie des ehemaligen Fichtenberger Pfarrers Manfred Jehle geraten, die dessen persönliche Erinnerungen aufbewahrt.

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Ulrich Jehle, Pfarrer. i. R., verbrachte seine ersten vier Lebensjahre in Fichtenberg.

Am Samstagabend ist Ulrich Jehle von einer Studienreise nach Südengland zurück gekommen. Bis 2006 hat der heute 71-jährige gebürtige Gaildorfer als Klinikpfarrer in Ludwigsburg gearbeitet, jetzt ist er, wie man so schön sagt, im "Unruhestand". Noch in dieser Woche wird er sich mit dem aus Oberrot stammenden und in Tübingen lebenden Autor Kurt Oesterle treffen, um ein Gespräch vorzubereiten, das sie am 12. Mai in Gustl Wörners Privatmuseum "Hirschgaß 5" in Fichtenberg öffentlich führen werden.

In dem Gespräch wird es um Jehles Eltern gehen, den Vater Manfred Jehle (1910 - 1995), Pfarrer in Fichtenberg von 1936 bis 1951, und um die Mutter Ruth, die, wie Ulrich Jehle meint, nicht nur fünf Kinder versorgte, sondern "die ganze Kirchengemeinde geschmissen hat", als der Vater trotz einer schweren, angeborenen Sehbehinderung 1939 eingezogen wurde. Sein Vater habe sich, sagt Ulrich Jehle, "um der Familie willen" entschieden, nicht in den Widerstand zu gehen. Kurt Oesterle zufolge hatte Jehle Kontakte zum dezidiert antinazistischen "Freudenstädter Kreis."

Erst am 26. Februar 1946 kehrte Manfred Jehle aus der französischen Kriegsgefangenschaft nach Fichtenberg zurück. Zuvor war es ihm noch gelungen, einen Brief aus dem Kriegsgefangenenlager in Saarlouis zu schmuggeln, in dem er zuletzt als Lagerpfarrer fungierte.

Kurt Oesterle, der immer wieder über Fichtenberg recherchiert, hat sich im letzten Jahr zwei Pfarrberichte über Fichtenberg besorgt, die Manfred Jehle 1939 und 1945 verfasste hatte. Die beiden Berichte seien vom Oberkirchenrat als "modellhaft" empfohlen worden, sagt Oesterle, sie seien sehr "kräftig und verdichtet geschrieben" und religionssoziologisch von größtem Interesse. Durch sie sei ein Vergleich der kirchlich-religiösen Verhältnisse in Fichtenberg zur Zeit des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit möglich.

Dass Manfred Jehle in seiner Fichtenberger Zeit regelmäßig Aufzeichnungen gemacht hatte, erfuhr Oesterle, nachdem er mit Ulrich Jehle, dem ältesten der fünf Jehle-Kinder, Kontakt aufgenommen hatte. Mehr noch: Ruth Jehle hat die Aufzeichnungen fortgeführt, als ihr Mann im Krieg und in Gefangenschaft war - "in Sütterlin", sagt Ulrich Jehle, zu dessen frühesten Erinnerungen die an die Ankunft der Amerikaner in Fichtenberg gehört.

Es sind hunderte von Seiten, die er jetzt sichten muss. Sein Vater war nach einer Verwundung "in die Etappe" gekommen, wo er begann, auf der Grundlage von Briefen und Aufzeichnungen, seine Erinnerungen zu tippen. Diese Arbeit habe Manfred Jehle später fortgeführt, "für die Familie", wie Ulrich Jehle betont. Vieles sei sehr privat, anderes historisch, soziologisch und politisch von Interesse, oft würden auch Fichtenberger Begebenheiten geschildert. Das Private vom öffentlich Relevanten zu trennen, sei nicht einfach zu bewerkstelligen. Jehle möchte daher auch keinen stringenten Vortrag halten, sondern unter der Moderation von Oesterle auf Grundlage seiner Lektüre und seiner eigenen Erinnerungen "extemporieren".

Info: Der Gesprächsabend "in Fichtenberg als Pfarrer in schwerer Zeit" mit Ulrich Jehle und Kurt Oesterle findet am Samstag, 12. Mai, 19.30 Uhr im Privatmuseum Hirschgaß 5 in Fichtenberg statt.

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