Ermittlungsdienst Prostitution soll ins Präsidium ziehen

Aus Kostengründen plant die Polizei, den Ermittlungsdienst Prostitution, der für das Sex-Gewerbe in der Landeshauptstadt zuständig ist, aus der Christophstraße 7 abzuziehen und an den Pragsattel zu verlegen.

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Für Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin Mitte, ist der Standortwechsel des Ermittlungdienstes Prostitution das falsche Zeichen im Kampf gegen den Sittenverfall im Rotlichtmilieu. "Ein Umzug wäre kontraproduktiv. Nur in unmittelbarer Nähe zum Leonhardsviertel können die 21 Beamten schnell eingreifen."Seit neun Jahren ist sie Bezirksvorsteherin, und seit neun Jahren kämpft sie gegen die "brutalen, menschenverachtenden Missstände im Rotlichtmilieu und um die Rückgewinnung des Viertels".

Ihr Ziel: Ordentliche Bedingungen schaffen und die Zwangsprostitution dauerhaft verbannen. Oftmals minderjährige Mädchen nehmen gerade noch zehn bis 15 Euro für eine Nummer, müssen aber "für ihre Wohnung mehr als im obersten Stockwerk der Königstraße zahlen".

120 Euro Miete für acht Quadratmeter seien keine Seltenheit, allerdings pro Tag. "Die Zahl der notwendigen Freier kann sich jeder selbst ausrechnen," empört sich die Bezirksvorsteherin.

"Frauen, die dort einziehen, sind innerhalb einer Woche verschuldet. Das hat wenig mit freiwilliger Prostitution zu tun, sondern grenzt schon an Nötigung." Vor allem auf dem Straßenstrich leben viele Frauen unter der Armutsgrenze.

Um den Missständen Herr zu werden und um wieder ein einvernehmliches Miteinander zu schaffen, setzt Kienzle alle Hebel in Bewegung. So wurde eine ämter- und referats-übergreifende Taskforce gegründet, die "gute Arbeit leistet. Erste Erfolge waren Rückkäufe mehrere Gebäude mit historischer Bedeutung und die Auflösung der illegalen Bordelle." Da es kein Grundrecht auf Bordelle gebe, müsse, was nicht genehmigt ist, geschlossen werden. "Es ist mühsam, aber wir sind auf dem richtigen Weg."

Der Umzug des Ermittlungsdienst Prostitution zum Pragsattel könnte aus Sicht der Bezirksvorsteherin jedoch zu einem Stolperstein werden. Sie werde in dieser Woche die Gespräche mit Verantwortlichen der Polizei und nach der Sommerpause mit dem Gemeinderat, speziell dem Unterausschuss Leonhardsviertel, suchen und den Sinn hinterfragen. "Ich weiß, dass es im gesamten Stadtgebiet Prostitution gibt, das Leonhardsviertel ist aber schon der Brennpunkt in Stuttgart."

Umso wichtiger sei es, dass die Beamten schnell vor Ort sind und nicht "erst einen Parkplatz suchen müssen, bevor sie Streife laufen". Vom Gerber- ins Leonhardsviertel und zurück ist es nur ein kurzer Spaziergang. Und das nicht nur für die Einsatzkräfte, sondern auch für die Prostituierten selbst. "Für eine junge, Hilfe suchende Frau, die kein Wort Deutsch kann, ist der Weg zum riesigen, unpersönlichen Revier in der Hahnemannstraße nicht die ideale Anlaufstelle."

Polizeisprecher Stefan Keilbach glaubt nicht daran, dass das Leonhardsviertel unter der Fusion mit dem Ermittlungsdienst am Pragsattel leidet. "Die Beamten werden nach wie vor im Milieu unterwegs sein. Der Kontakt und die Nähe zur Szene müssen und werden erhalten bleiben." Zudem bleibe auch die Dependance im Gerberviertel erhalten. Statt wie bisher 21 Beamten steht in der 24 Stunden besetzten Kriminalwache dann allerdings nur noch eine Streife des Dezernats für Sexualdelikte als Ansprechpartner zur Verfügung.

Gerüchte, dass es an dem Posten nur noch einen "Schalterdienst" geben wird, weist Keilbach als "Hirngespinst" zurück. "Wir werden auch in Zukunft im Gerber- und im Leonhardsviertel präsent sein." Von der Zusammenlegung der Dienststellen an den Pragsattel verspreche er sich "Einsparungen im Bereich Führungspersonal und Synergieeffekte". Die Beamten im Gerberviertel stehen beispielsweise im Bereich Menschenhandel jetzt schon im täglichen Kontakt.

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