Er ist noch immer ministeriabel

Der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker Rezzo Schlauch feiert seinen 70. Geburtstag - und viele, die in der Politik Rang und Namen haben, folgen gerne der Einladung des Hohenlohers.

|
Zwei von vielen Gratulanten, die der Einladung von Rezzo Schlauch gefolgt sind: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (rechts).  Foto: 

Was machen Politiker? Sie reden gerne. So war das auch in der großen Halle des ehemaligen Zollamtes in Bad Cannstatt. Rund 400 Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur hatten sich versammelt, um den 70. Geburtstag des gebürtigen Bächlingers Rezzo Schlauch zu feiern. Der ehemalige Grünen-Spitzenpolitiker ist zwar schon seit mehr als zehn Jahren im Ruhestand, aber präsent im politischen Raum ist er nach wie vor. Wenn er einlädt, kommt die Prominenz – und will (über ihn) reden, sich ein bisschen im Glanz der Aura des Mannes sonnen, der der „All-time-Lieblingsgrüne des Politikboulevards“ (taz) ist.

Palmers Magen knurrt

So reihte sich Rede an Rede und irgendwann knurrte dem grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer der Magen und platzte ihm der Kragen: Noch nie habe er auf einer Fete so gehungert wie auf dieser. Schließlich wurde es auch dem Geburtstagskind zu viel und Schlauch übernahm das Kommando: „Jetzt reicht’s!“. Auch er wollte essen, wollte tanzen, wollte das tun, was er kann wie kaum ein anderer Politiker in Deutschland: Mit den Leuten quatschen. Über Gott und die Welt. Und gerne auch über Politik und Wirtschaft.

Rezzo und die Schwarzen

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Redner schon viele Anekdoten aus dem Leben des Politikers Schlauch zum Besten gegeben. Insbesondere Stuttgarts grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn, den eine enge Freundschaft mit Schlauch verbindet und der wie Schlauch Fraktionsvorsitzender der Grünen im baden-württembergischen Landtag und im Bundestag, war, trug zur Erheiterung der Gäste bei. Etwa, wenn er davon berichtete, dass sich „die Schwarzen“ im Landtag regelrecht gefreut hätten, „wenn Rezzo sie vermöbelt hat“. Viel schlimmer sei es für die CDU gewesen, wenn Schlauch sie mit Nichtbeachtung gestraft habe.

Trotzdem gehört Schlauch zu den wichtigsten Wegbereitern der grün-schwarzen Koalition im Ländle. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass mit dem EU-Kommissar und früheren Ministerpräsidenten Günther Oettinger ein prominenter Schwarzer zur Geburtstagsfete gekommen war, und die politischen und menschlichen Qualitäten von Schlauch über den grünen Klee lobte. Gegen später wurde auch der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl in der Halle gesichtet. Wer weiß, vielleicht wurde an diesem Abend an der Jamaika-Koalition in Berlin gearbeitet. Immerhin: Kretschmann ist Mitglied der Verhandlungskommission der Grünen und Strobl, der Schwiegersohn von Noch-Finanzminister Wolfgang Schäuble, gehört auch auf Bundesebene zu den einflussreichen CDU-Politikern.

„Ein Instinktpolitiker“

Rezzo Schlauch wurde nie Oberbürgermeister, nicht in Crailsheim und nicht in Stuttgart. Er war auch nie Minister. Und ist trotzdem bis heute ministeriabel. Zumindest für Rudolf Bühler, den Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Die BESH war unter der Regie von Ilonka Lang aus Ruppersbach (Gemeinde Kreßberg) für die Bewirtung der Gäste zuständig und verwöhnte sie mit Gaisburger Marsch und Köstlichkeiten vom Grill. Für Bühler ist Schlauch „der Schutzpatron der Hohenloher Bauern“, und deshalb müsse er Landwirtschaftsminister in der Jamaika-Koalition werden. Schlauch also doch noch Minister? Der Vorgeschlagene nahm’s schmunzelnd und geschmeichelt zur Kenntnis.

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann hob hervor, wie wichtig es gewesen sei, dass gerade in den Anfangsjahren der Südwest-Grünen sich Schlauch um die Bauern und die Leute generell im ländlichen Raum gekümmert habe. Der „Volkstribun“ Schlauch habe so die Fundamente dafür geschaffen, dass die Grünen heute eine Volkspartei seien. Für ihn ist Schlauch „ein Instinktpolitiker“, der wie kein anderer auf Menschen zugehen kann, ohne sich mit ihnen gemein zu machen.

Schlauch mag die Menschen

Diese Zugewandtheit zu den Menschen zeichnet Schlauch bis heute aus. Er kann’s mit den Großkopfeten genauso wie mit dem kleinen Mann von der Straße. Er gehört zu den Handvoll Menschen in Deutschland, die die Grünen massentauglich und damit regierungsfähig gemacht haben. Ohne ihn hätte es die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer nicht lange gegeben. Wenn die beiden Alpha-Männchen so richtig Stress miteinander hatten, musste der damalige Fraktionsvorsitzende Schlauch ran. In solchen Krisensituationen waren seine Fähigkeiten als Moderator und Integrator besonders gefragt. Auch wenn er nie Minister war: Das Zeug dazu hat er.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Blühende Erfolgskonzepte

Das Crailsheimer „Blumenstudio Kröper“ ist seit 25 Jahren am Markt aktiv. Claudia Himmer vom Fachgeschäft „Die Blume“ möchte sich in der Horaffenstadt etablieren. weiter lesen