Den Kalten Krieg beendet

Einen Freiheitskämpfer stellt man sich anders vor. Vytautas Landsbergis betritt mit seiner Ehefrau Grazina die Brunnenhalle in Schloss Stetten. Viel Beifall brandet auf, aber der Professor bleibt bescheiden.

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Dass der ehemalige Präsident der Republik Litauen, der erste nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, seinen 80. Geburtstag in Hohenlohe feiert, ist Wolfgang von Stetten geschuldet. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete hat ein Faible für die Balten und ist mit Landsbergis befreundet.

Tatsächlich war Landsbergis bereits am 18. Februar 80 Jahre alt geworden, aber es gibt mehr zu feiern an diesem Samstag: Auf den Tag genau vor 95 Jahren, am 2. März 1918, erklärte sich Litauen zum ersten Mal für unabhängig. 1939 folgte die Besetzung durch Stalins Rote Armee, zwei Jahre später durch Hitlers Wehrmacht. Danach kehrten die Sowjets zurück und blieben 45 Jahre lang, bis sich die Litauer am 11. März 1990 erneut für unabhängig erklärten und als erste Teilrepublik der UdSSR den Rücken kehrten.

Treibende Kraft war die Unabhängigkeitsbewegung Sajudis, mitbegründet von einem Professor für Musikwissenschaft aus Kaunas: Vytautas Landsbergis. Wolfgang von Stetten erinnerte an seine erste Begegnung mit dem Präsidenten 1991 in Vilnius. Aus einem auf 20 Minuten begrenzten Gespräch habe sich ein deutlich längeres und darüber hinaus eine 30 Jahre währende Zusammenarbeit entwickelt.

Landsbergis Einsatz für seine Heimat sei "nicht ungefährlich" gewesen, schließlich drohte die Verbannung nach Sibirien, sagt von Stetten und betont: "Wir feiern heute einen Freiheitskämpfer." Litauen sei seit 23 Jahren seine zweite Heimat, bekennt der Schlossherr. Kurz darauf singen Schüler des privaten litauischen Gymnasiums Hüttenfeld die Hymnen beider Länder.

Guido Wolf, Präsident des Landtags in Stuttgart, zollt den Litauern Respekt: Mit scharfem Blick für Realitäten hätten sie die Krise bewältigt und wollen 2015 der Eurozone beitreten. Landsbergis wechselt in seiner Rede zwischen Englisch und Deutsch, die entscheidenden Wörter aber kommen auf Deutsch. Der EU-Abgeordnete erinnert an die historischen Zusammenhänge, die zum Kollaps der Sowjetunion führten: an die Bürger der DDR, die mit den Füßen für Freiheit stimmten, an den "großartigen Kanzler Helmut Kohl", der klarstellte, dass der Hitler-Stalin-Pakt keine Rechtfertigung für weiteres Unrecht sein dürfe. "Teufelspakt", zitiert Landsbergis den Alt-Kanzler. Dass Russland den Schritt zur Demokratie nicht gegangen sei, dass dort wieder Stalin-Denkmäler errichtet werden, kritisiert er und spricht von einer "vertanen Chance".

Landrat Helmut M. Jahn würdigt Landsbergis Verdienste: "Sie haben in unermüdlichem Einsatz für die Wiedererlangung der Freiheit für Litauen gekämpft." Nachdem die Stetten-Chöre gesungen haben, sagt Botschafter Deividas Matulionis zu Landsbergis. "Sie zählen zu den wenigen Menschen, die durch eigenes Handeln einen wesentlichen Beitrag zur Beendigung des Kalten Kriegs geleistet haben."

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