Das Überleben spürbar werden lassen

Schwäbisch Gmünd erinnert an die französische Publizistin Yvonne Pagniez, die das Nazi-Regime überlebt hat. Dazu gibt es am 8. Mai eine Feierstunde. Zwei Tage vorher wird eine Gedenktafel enthüllt.

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Gedenktafel für Yvonne Pagniez, die am kommenden Montag in Gmünd enthüllt wird. Foto: Stadt Schwäbisch Gmünd

Die französische Schriftstellerin und Journalistin Yvonne Pagniez (1896-1981) hat nicht nur den "Großen Roman-Preis" der Académie Francaise im Jahr 1949 erhalten, sie hat in ihrer Biographie auch besondere Berührungspunkte mit Schwäbisch Gmünd: 1944 wurde sie von den Nationalsozialisten nach gefährlicher Flucht im Gmünder Gefängnis Gotteszell inhaftiert. Darüber schrieb sie in ihren beiden Romanen "Evasion 44" und "Ils ressusciteront dentre les morts" und gibt damit eine spezielle Einsicht in das fast unbekannte Deutschland.

Die außergewöhnliche Frau wird nun in Gmünd mit einer Tafel am Münster auf den "Gmünder Frauenwegen" und mit einer Feierstunde am Mittwoch, 8. Mai, um 14 Uhr im Prediger im Refektorium gewürdigt. Gestaltet wird die Feierstunde mit einer Ansprache von Oberbürgermeister Richard Arnold, einem Grußwort des französischen Generalkonsuls Michel André Marie Charbonnier und Erinnerungen von Yves Pagniez, dem Sohn von Yvonne Pagniez. Brigitte Nagel und Annabella Akcal umrahmen den Nachmittag mit einer deutsch-französischen Lesung aus "Ils ressusciteront dentre les morts", das Ensemble "Musca Est Ovest" mit Sabine Betz am Akkordeon und Peter Funk am Kontrabass begleiten die Veranstaltung musikalisch.

Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen, erlebte Yvonne Pagniez Zeitgeschichte hautnah. 1935 erschien ihr erster Roman "Quessant"; mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung von Paris durch die Deutschen trat sie der französischen Widerstandsbewegung, der résistance bei und beherbergte in Paris amerikanische und englische Piloten, deren Flugzeuge abgeschossen wurden. Im Juni 1944 wurde sie von der Gestapo verhaftet und im August mit dem letzten Transport aus Frankreich ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Mitte Oktober gelang es ihr, während eines Transports zu fliehen. Ihre Flucht endete auf einem Schiff in Konstanz bei der Ausreise in die Schweiz. Sie wurde erneut verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis in Gmünd, in Gotteszell, verurteilt. Nach der Haftzeit sollte sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht werden; dazu kam es allerdings nicht mehr, die Gefängniswärter öffneten die Türen der Haftanstalt . . .

Diese besonderen Tage schildert sie in "Ils ressusciteront dentre les morts", das übrigens nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Mit Namen und Orten lässt sie für Gmünderinnen und Gmünder darin auch das Überleben in der Stadt spürbar werden. Gewalt, Vergewaltigungen, Plünderungen, Siegerfreude, Beschämung, Demut, aber auch Nächstenliebe und Hilfe und die verwirrenden Zustände jener Tage. Das Buch ist ein einzigartiges Zeitdokument und verdichtet gelebte Geschichte zum literarischen Erlebnis.

Nach dem Krieg unternahm Yvonne Pagniez viele Reisen nach Deutschland: Versöhnung, Annäherung und Völkerverständigung waren ihre Mission, die sie auch aus den positiven Begegnungen mit den Menschen in Deutschland mitgenommen hatte. Reiner Wieland vom Schriftgutarchiv Ostwürttemberg in Heubach-Lautern wurde bereits in den 1970er Jahren auf die besondere Rolle Yvonne Pagniezs und ihre schriftstellerischen Qualitäten aufmerksam. Er will nun zusammen mit weiteren Unterstützern wichtige Passagen aus "Ils ressusciteront dentre les morts" auch den Lesern auf Deutsch nahebringen. Zahlreiche Orte, Geschichten, Begebenheiten und Namen machen diesen Text gerade auch für die Menschen in der Region Gmünd interessant.

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