Arztpraxen finden keine Nachfolger

Im Main-Tauber-Kreis gibt es „eine vollkommen paradoxe Situation“. Derzeit herrscht trügerische Ruhe. Forderung: „Kommunen, macht euch attraktiv!“

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Was passiert, wenn eine gute ärztliche Versorgung nicht mehr gegeben ist? Über dieses Szenario muss man sich auch im Main-Tauber-Kreis ernsthaft Gedanken machen. Die ärztliche Versorgung ist in Baden-Württemberg laut Studie der Bertelsmann-Stiftung zwar noch relativ gut, neben den Ost-Bundesländern bekommt aber vor allem der ländliche Raum deutschlandweit Probleme. In Bad Mergentheim und Umgebung sind zwei Aspekte der Versorgung problematisch: einerseits mit spezialisierten Fachärzten, andererseits die Abdeckung mit Allgemeinmedizinern. Während sie bei den Allgemeinärzten aktuell noch weitgehend zufriedenstellend ist, ergibt sich bei den Fachärzten bereits jetzt eine schwierige Situation, so Dr. Jochen Selbach. Er ist Vorsitzender der Kreisärzteschaft Bad Mergentheim.

Doch auch bei den Allgemein­ärzten ist die Situation gefährlich, so Carsten Köber. Er ist Sprecher der niedergelassenen Allgemeinmediziner in der Kreisärzteschaft. Vor allem in den Randgebieten des Altkreises sei die Situation schwierig. „In Weikersheim wird es in spätestens fünf Jahren krachen“, warnt er. Auch in Niederstetten und Creglingen sei die Lage bereits jetzt sehr angespannt. „Die aktuelle Situation in Bad Mergentheim ist gut, wir können hier nicht von einem Mangel sprechen“, urteilt Köber. Doch die „Ruhe“ sei trügerisch. Fehlen Allgemeinmediziner, wird die Medizin insgesamt teurer. Denn ohne die Selektionsfunktion eines Hausarztes werden vermehrt Behandlungen beim Facharzt erforderlich.

„Die Situation ist vollkommen paradox. Wir hatten noch nie so viele Mediziner in Deutschland wie heute, und gleichzeitig ist auch der Mangel so stark wie noch nie“, erklärt Dr. Selbach. Generell kann man also weniger von einem Mangel sprechen. Problematisch ist vielmehr die Verteilung der Ärzte. Diese lassen sich bevorzugt in wohlhabenderen Gebieten nieder, wie die Bertelsmann-Stiftung herausfand. Dort seien die Arbeitsbedingungen aufgrund erhöhter Zahl an privat Versicherten angenehmer.

Vielschichtige Ursachen

Die Ursachen für den Medizinermangel auf dem Land sind allerdings vielschichtiger. Medizin wird weiblicher. Drei von vier Studienanfängern sind Frauen. Inzwischen wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger, Teilzeitmodelle werden immer beliebter. Auch die Altersstruktur der Ärzte trägt ihren Teil zur Problematik bei. Allerdings ist kaum Nachwuchs zu finden. In Bad Mergentheim gibt es zwei Allgemeinarztpraxen, die sofort übernommen werden könnten, erklärt Selbach. Nur: Es findet sich kein Nachfolger. Ein Blick in die Statistik offenbart noch einen Faktor, der erheblich zur Situation beiträgt. Die Deutschen gehen vergleichsweise häufig zum Arzt. Durchschnittlich 18 Besuche pro Jahr sind europaweiter Spitzenwert.

Besonders groß ist in Bad Mergentheim der Facharztmangel bei Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. In der gesamten Kreisärzteschaft sind drei Augen- und lediglich ein HNO-Arzt gelistet. Ihr Einzugsbereich erstreckt sich über den kompletten Altkreis. Schwierig wird es bei Notfällen außerhalb normaler Sprechzeiten: Hier muss der Patient dann nach Heilbronn oder Würzburg fahren. Um die schlechter werdende Arztversorgung zu bekämpfen, empfiehlt Selbach vor allem eines: „Kommunen, macht euch attraktiv!“ Die Städte müssten ganz klare Angaben machen, welche Vorteile ein Arzt bei der Niederlassung habe. „Früher war es unproblematisch, einen Nachfolger zu finden“, erinnert auch Carsten Köber.

Zusammenschlüsse werden zunehmen, meinen Experten. In ärztlichen Versorgungszentren könnten die Mediziner im Angestelltenverhältnis arbeiten. So könnte man auch den jungen Kräften die Furcht vor der Niederlassung nehmen. Fest steht: Eine schlechte medizinische Versorgungslage ist ein klarer Standortnachteil. „Ähnlich wie Möglichkeiten zur Kinderbetreuung ist auch die Verfügbarkeit von Ärzten ein wichtiger Punkt für die Entscheidung bezüglich des Wohnortes“, so Selbach. Könne eine Versorgung nicht mehr zuverlässig gewährleistet werden, mache das die Region weniger attraktiv, warnt der Mediziner.

Selbach sieht die Politik gefordert. Dr. Köber setzt dagegen vermehrt auf eine gute Verbindung in die Universitäten. „Hausarzt bedeutet nicht nur Halsweh und verstopfte Nasen“, weiß er. Es sei ein vielseitiger und spannender Beruf, für den man Begeisterung wecken müsse. Die Spitze des Eisbergs sei noch nicht erreicht, befürchten die Fachleute. „Der Landarztmangel ist auch bei uns existent. Die volle Wucht des Problems werden wir aber erst noch spüren“, so lautet das Fazit von Dr. Selbach.

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