"Über der Zeit lag ein Trauerflor"

Reichhaltige Fichtenbergensia bergen die Aufzeichnungen des Manfred Jehle, Pfarrer zu Fichtenberg "in schwerer Zeit". Sein Sohn Ulrich Jehle und der Autor Kurt Oesterle haben am Samstag Einblicke gewährt.

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Ulrich Jehle (links) und Kurt Oesterle: In einem Gespräch mit Lesung gewährten sie in der "Hirschgaß 5" Einblicke in den Nachlass von Manfred Jehle. Foto: Färber

Wer Manfred Jehle nicht kannte, und das dürften die wenigsten gewesen sein, die am Samstagabend dem Vortrag im Privatmuseum "Hirschgaß 5" in Fichtenberg lauschten, ist von den Fotos, die am Schluss gezeigt werden, nicht wirklich überrascht. Die Bilder zeigen Jehle (1910 - 1995) als einen hochgewachsenen, fast schlaksig zu nennenden Mann, mit flaschenbodendicken Brillengläsern, einem breiten, bereitwillig lächelnden Mund und - einer sehr kleinen Frau: Ruth Jehle (1913 - 2008) reichte ihrem Mann bis knapp über den Ellbogen. Den Größenunterschied kontrastieren entspannte Gesichter: In dieser Beziehung ist man mit sich im Reinen.

Ruth Mögle, und Manfred Jehle hatten 1938 geheiratet, zwei Jahre, nachdem Manfred Jehle seine Stelle als Pfarrer in Fichtenberg angetreten hatte. Bis 1951 lebten und arbeiteten sie in Fichtenberg; während des Krieges, als Jehle eingezogen und verwundet wurde und schließlich in ein Gefangenenlager bei Saarlouis geriet, hielt die lebenstüchtige Ruth Jehle nicht nur die Familie, sondern auch die Kirchengemeinde zusammen.

Eine unbeschwerte Kindheit zu erleben war in dieser Zeit nicht möglich. "Über der Zeit lag ein Trauerflor", sagt der 1941 geborene Ulrich Jehle, der Älteste der vier Jehle-Kinder. Zwei Onkel und zwei Schwäger blieben im Krieg; 1949 starb auch noch die Großmutter. Hinzu kam, noch während des Krieges, die stetige Sorge um den Vater und die Verwandtschaft - vom Dachboden aus spähte man in Richtung Stuttgart und sah den Feuerschein über dem brennenden Heilbronn. Er habe nicht Kind sein können, sagt Ulrich Jehle - als die Familie schließlich nach Neckarhausen zog, ließ er nichts zurück. Einen Freund habe er gehabt, sagt er bedauernd, aber der Name falle ihm nicht mehr ein.

"In Fichtenberg als Pfarrer in schwerer Zeit", war das Gespräch mit Lesung überschrieben, das der aus Oberrot stammende Autor Kurt Oesterle in der "Hirschgaß 5" mit Ulrich Jehle führte, der bis zu seinem Ruhestand Klinikpfarrer in Ludwigsburg war. Die dabei vorgetragenen, reichhaltigen "Fichtenbergensia", die in Ulrich Jehles persönlichen Erinnerungen fehlen, entstammten vor allem den Aufzeichnungen seines Vaters: Gut 1000 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten hat der Mann hinterlassen. Hinzu kommen die eher persönlich gehaltenen Chroniken, die Ruth Jehle für ihre Kinder geführt hat.

Die aus Manfred Jehles Aufzeichnungen vorgetragenen Passagen offenbaren einen systematisch und sehr reflektiert arbeitenden Geist mit historisch-soziologischen Interessen, dazu einen Geschichtenerzähler mit kernigem Humor. Manfred Jehle, sagt Oesterle habe die von Leopold Ranke beschriebene vornehmste Pflicht des Historikers ernst genommen, er habe nicht verurteilt, sondern ein Zeitbild gemalt.

Dieses Bild enthält skurrile Betrachtungen über noch skurrilere Sitztraditionen beim Kirchbesuch, es handelt vom Aberglauben, vom Pfarrersein und von losen Sitten ("man nahm die unehelichen Kinder gar nicht tragisch"), beschreibt den Umgang mit Selbstmördern und skizziert auch den sozioökonomischen Wandel durch den Bau der Eisenbahn, als aus zwei Kneipen neun wurden und die Fichtenberger den Schnaps entdeckten, was wiederum einen verheerenden Ruf begründete - vor allem die Mittelroter haben die "Fichtenberger Lumpen" schwer verachtet.

"Der Pfarrer hatte das Vertrauen der Leute", schließt Oesterle aus den lebensprallen Schilderungen. Das sieht auch der Sohn so, wiewohl Ulrich Jehle seinen Vater nicht als mitfühlenden Beobachter und Chronisten, sondern vor allem als asketischen Mann wahrnahm, der immer im Dienst war. Erst bei der Beerdigung des Vaters, als Freunde und Weggefährten sich zu Wort meldeten, sei ihm richtig bewusst geworden, dass sein Vater ihm unbekannte Seiten hatte, sagt Jehle.

Dass diese unbekannten Seiten jetzt in Fichtenberg in den Fokus rücken, ist eher dem Zufall zu verdanken. Angeregt von Gustl Wörner, dem Gründer und Betreiber des Privatmuseums, hatte Oesterle im Möhringer Kirchenarchiv Pfarrberichte von Jehle eingesehen. Die Qualität der Berichte machte ihn neugierig, er forschte nach Angehörigen und stieß schließlich auf Ulrich Jehle, der ihm vom Nachlass seines Vaters berichtete.

Den Besuchern der "Hirschgaß" war bei der Veranstaltung am Samstag, zu der Wörner zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde Fichtenberg eingeladen hatte, lediglich ein Einblick gewährt - das kurze Aufblitzen eines heimatkundlichen Schatzes, der dringend gehoben werden sollte. Was aus dem Material wird, ist freilich unklar. Sein Sohn, sagt Ulrich Jehle vage, habe Interesse bekundet. Ob und wann die Aufzeichnungen einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, lässt er offen.

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