Zwei Leben für die Kirche

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Zusammen 100 Jahre im Dienst: Heidi und Siegfried Karle.  Foto: 

Das ist nicht bloß ein Job“, sagt Siegfried Karle, „sondern eine halbe Berufung.“ Was natürlich hemmungslos untertrieben ist. Halbe Berufung? Ganze Berufung! Ganz und gar. Mit Haut und Haar. Wie sonst ist es zu erklären, dass er das Mesneramt in Unterregenbach zusammen mit seiner Frau Heidi seit einem halben Jahrhundert ausfüllt? Und zwar bis heute mit einem Strahlen in den Augen, das längst verraten hat, was Karle dann auch sagt: „Bis jetzt haben wir es noch nicht bereut.“

Siegfried Karle war 29 Jahre alt, als ein neuer Mesner gesucht wurde. Er war in einem Buchenbacher Teilort aufgewachsen und hatte nach Unterregenbach geheiratet. Der Kirchturm steht nur einen weiten Steinwurf vom Elternhaus seiner Frau, in dem das Paar bis heute lebt, entfernt. „Probieren wir’s halt mal“, sagten sich die Karles also im Jahre 1967. „Machen wir’s mal drei, vier Jahre.“ Ja, ja, drei, vier Jahre.

Seitdem sind sie dafür zuständig, dass das Gotteshaus morgens auf- und abends zugeschlossen wird, dass die Glocken läuten, wann sie sollen, dass die Uhr gewartet wird, dass die Lieder angesteckt werden, dass Touristen, die fragen, etwas über das Kirchlein und seine berühmte Krypta erfahren, dass die tausend Kleinigkeiten, die funktionieren müssen, tatsächlich funktionieren.

Einmal hatte der Pfarrer seine Predigt in Eberbach vergessen. Also fuhr Siegfried Karle mit einem VW-Käfer los, um sie zu holen. Natürlich war er rechtzeitig zurück. Ein anderes Mal war an einem Sonntag der Strom in der Kirche weg: kein Läuten, kein Licht, keine Orgel. Der gerufene Elektriker aus Künzelsau kam lange nicht, also stieg Karle in den Turm, machte ein Türle auf, machte ein zweites Türle auf – und sah, dass ein abgebrochener Bolzen einen Kurzschluss ausgelöst hatte. Er behob den Schaden, und als der Elektriker dann doch vor der Tür stand, begannen die Glocken zu läuten. „Da bin ich garantiert geführt worden“, sagt Siegfried Karle.

Im Urlaub ist das Mesner-Ehepaar nie gewesen.  Klar, es stand mal ein Verwandtschaftsfest auf dem Programm, Konfirmation, Hochzeit, Geburtstag. Sie bereiteten dann alles vor, die Vertretung musste nur noch die Kerzen anzünden.  Wie oft das vorkam? „Mehr als zehnmal sicherlich nicht“, sagt Siegfried Karle. In 50 Jahren.

Wenn man’s genau nimmt, steht der 79-Jährige sogar schon seit 70 Jahren im Dienst der Kirche. Als neunjähriger Bub nämlich hat er angefangen, das Gemeindeblatt auszutragen. Er war und ist engagiert, weil ihm sein Glaube wichtig ist. Was nicht heißt, dass es in seinem Leben nicht auch vieles neben der Kirche gab und gibt. Er hat bei der Firma Schaeff gearbeitet.

Ein Schwätzle muss sein

Er hat begeistert Fußball gespielt – und manchmal auch mit dem Pfarrer in der Sakristei darüber geredet. Er geht in die Herzsportgruppe und ist Mitglied in gleich zwei Kleintierzuchtvereinen, in Gerabronn und Niedernhall. Jeden Tag packt er seine Sense und holt unten an der Jagst Gras für seine Tiere. Und wenn er dabei jemanden trifft, dann muss ein Schwätzle sein. Man könnte sagen: Die Karles sind gute Seelen jener Art, die eine Kirchengemeinde genauso gut gebrauchen kann wie eine Dorfgemeinschaft.

Es gibt ein paar Besonderheiten in Unterregenbach. Dass die Glocken noch nicht vollautomatisch funktionieren, sondern dass immer wieder mal Knöpfe gedrückt werden müssen, etwa. Und wenn die Uhr umgestellt wird, dann geht Siegfried Karle eben in den Turm, hält das Pendel an, und kommt eine Stunde später wieder. Überhaupt: Unten im Jagsttal läutet’s immer ein bisschen früher als oben in Langenburg. „Die Leute wollen das so“, sagt Siegfried Karle und lacht.

Noch so eine Spezialität: Der Mesner sitzt in der Kirche seitlich hinter dem Altar – hat also eine herausgehobene Funktion wie der Pfarrer. Entsprechend festlich kleidet sich Karle stets: Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Als er angefangen hat, da kamen zumindest die Alten immer in Festtagskleidung: „Die hatten alle einen Schlips, und wenn’s ein verzogener, krummer war.“

Die Gemeinde hat sich verändert, das Dorf hat sich verändert. „Es gab Zeiten, da hatten wir in Unterregenbach 30 Kinder“, erinnert sich Heidi Karle. „Dann waren es mal nur noch drei zwischen Kindergarten und Abi.“ Heute sind es zwar wieder ein paar mehr, aber insgesamt ist es ruhiger geworden in dem Örtchen. „Manchmal zu ruhig“, sagt Siegfried Karle.

Was sich nicht geändert hat, ist das routinierte Miteinander des Ehepaars. Beide wissen, was sie zu tun haben. Beide können sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen. Als er einmal einen Herzinfarkt hatte, da sprang sie selbstverständlich ein. Wenn es nach Siegfried Karle ginge, dann  würden sie weitermachen, so lange es geht.

Ausnahmegenehmigung bis 80

Das Problem: Der Vertrag mit der evangelischen Kirche kann nur verlängert werden, bis er 80 ist. Mehr geht nicht, aus berufsgenossenschaftlicher Sicht. Da hilft es auch nichts, dass Siegfried Karle seit einer Hüft-OP wieder sicherer Treppen steigen kann als zuvor. Schon seit er 65 ist, arbeitet er mit einer Ausnahmegenehmigung.  Alle zwei Jahre wird die Stelle ausgeschrieben, aber niemand meldet sich.

Was, wenn Unterregenbach nach dem 80. Geburtstag im kommenden Jahr ohne Mesner dasteht? „Der da droben hat mich immer geleitet, geführt und auf mich aufgepasst“, sagt Siegfried Karle. „Dann mach’ ich das ihm zuliebe halt noch ein bisschen.“

Info Das Dienstjubiläum des Mesner-Ehepaars wird am Sonntag, 15. Oktober, um 10.30 Uhr in der Unterregenbacher Kirche gefeiert.

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