Zur Muswiese das erste Mal im Westen

Als die Mauer fiel, war ich 19 Jahre alt. Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Neundorf in der Nähe von Görlitz.

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Christfried Krause lebt als Landschaftsgärtner in Brettenfeld.  Foto: 

Die 13 Hektar Land um den Hof herum wurden meinen Großeltern 1960 im Zuge der Zwangskollektivierung durch die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) weggenommen. Alle Landwirte wurden damals enteignet - und mussten dafür auch noch Geld bezahlen. 3000 Ostmark pro Hektar mussten meine Großeltern in die LPG einbringen. Das Einzige, was sie als Landeigentümer bekamen, war eine Zahlung von 150 Mark im Jahr. Einen Hektar konnten sie wiederum für 75 Mark im Jahr von der Genossenschaft pachten. Mit der Landübernahme war die Feldbewirtschaftung von den Bauern abgekoppelt. Mein Vater hat dann bei der Genossenschaft gearbeitet. Meine Mutter war Heilerziehungspflegerin bei einer Behindertenwerkstatt.

Im Grunde war meine Kindheit in Neundorf trotz allem genau so, wie sie sein sollte: Wir haben jedes Wochenende Fußball gespielt und Lausbubenstreiche ausgeheckt. Dennoch musste ich schon als neunjähriger Junge die dunkle Seite der DDR kennenlernen. 1979 hatten meine Eltern eine Reise nach Rumänien gebucht. 350 DDR-Mark pro Person durfte man damals in die Landeswährung umtauschen und mit auf die Reise nehmen. Als wir uns zum Flughafen in Schönefeld aufmachten, hatte mein Vater zusätzlich noch 500 Mark dabei. Die wollte er am Flughafen hinterlegen, um davon auf dem Rückweg einen Kühlschrank zu kaufen. Doch er hat schlichtweg nicht daran gedacht und hatte das Geld noch in der Tasche, als wir den Zoll passierten.

Wir wurden dann in separate Kabinen gezerrt und mussten uns bis auf die Unterhose ausziehen. Auch unsere Koffer haben die Zöllnerinnen ausgeschüttet und nach einem doppelten Boden gesucht. Ich werde nie vergessen, wie die Frauen mich angeschrien haben. Am Ende wurde das Geld einbehalten, und wir konnten erst am folgenden Tag nach Rumänien fliegen. Und das alles nur wegen eines unschuldigen Versehens.

Im Herbst 1990 bin ich zum ersten Mal in den Westen gekommen. Ich hatte Verwandte in Rot am See. Die habe ich pünktlich zur Muswiese besucht. Meine Cousine hat mich in Crailsheim vom Bahnhof abgeholt, und dann sind wir in die Stadt gegangen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich damals vor den Schaufenstern stand und nur noch geheult habe. Mir wurde da so richtig bewusst, wie wir in der DDR betrogen wurden. Im Jahr darauf bin ich dann hierhergezogen.

Meine Eltern leben auch heute noch in der Nähe von Görlitz. Wie viele frühere DDR-Bürger, sprechen sie noch oft von der schönen alten Zeit. Man muss wissen, dass viele Menschen nach der Wiedervereinigung arbeitslos wurden und zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Existenzangst spürten. Ich weine der DDR aber keine Träne hinterher.

Aufgezeichnet von Anna Berger

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