Zum Jahreswechsel hoch hinaus

Das neue Jahr wird in Blaufelden nicht nur mit Glockengeläut, sondern auch mit Posaunen und Trompeten begrüßt. Die Bläser steigen sogar in der Silvesternacht die 184 Stufen hinauf auf den Turm der Kirche.

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Jeden Sonntag rufen die Blaufeldener Turmbläser musizierenderweise zum Gottesdienst. In der Silvesternacht begrüßen sie das neue Jahr. Privatfoto

"Im Sommer ist es viel schöner, auf dem Turm zu spielen", sagt Siegfried Stülpner. "Oder im Frühling, wenn die Natur erwacht und man von oben einen herrlichen Blick auf die Landschaft genießen kann." Viele Male hat der 81-Jährige diesen Ausblick schon genossen, denn mit seinen 66 Bläserjahren ist er das älteste Mitglied im Posaunenchor Blaufelden.

Jeden Sonntag steigt der Rentner mit seinem Tenorhorn und den übrigen Turmbläsern die Stufen zur Spitze der St. Ulrichskirche hinauf, um die Menschen aus Blaufelden musikalisch zum Gottesdienst zu rufen. Und auch der traditionelle Posaunengruß zum neuen Jahr ist für Stülpner ein Termin, den er sich nicht entgehen lässt.

1910 wurde der Posaunenchor Blaufelden gegründet - und seither ist das Turmblasen eine feste Institution, die ihresgleichen in der Region sucht. Bei Wind und Wetter treten die Bläser den nicht ganz einfachen Aufstieg Sonntag für Sonntag an. Zunächst geht es gut zwei Dutzend Stufen hoch in den Raum über der Empore. Hier werden die Instrumente ausgepackt und die Notenblätter verteilt - ein kurzes Anspiel zum Warmwerden und für die Abstimmung des richtigen Tons.

Dann geht es Schritt für Schritt hinauf in luftige Höhen: Zunächst durch den alten Wehrturm mit ausgetretenen Steinstufen, vorbei am Glockenstuhl, der aus nächster Nähe seine ganze Klangpracht entfaltet und schließlich über enge Holztritte bis zur Plattform, die nach einem Blitzeinschlag im Jahr 1835 gebaut wurde. Draußen in 42 Metern Höhe sorgen Gesellen wie Nebel, scharfer Wind und Regen bisweilen für eine ganz und gar unwirtliche Atmosphäre. Doch die Turmbläser sind wetterfest. "In der Silvesternacht hatten wir schon oft so ein Wetter", sagt Chorleiter und Dirigent Karl-Heinz Ziegelbauer, "das macht uns kaum noch was aus".

Mit in Folie verschweißten Notenblättern, dicken Winterjacken und Handschuhen trotzen die Musiker dann dem Wetter. Stülpner verpackt sein Tenorhorn gar im Futteral. Auch die Notenständer, die in die Brüstung eingehängt werden, sind so angefertigt, dass sie einem Sturm standhalten. In alle vier Himmelsrichtungen spielen die Bläser ihren Neujahrsgruß. Im Wechsel mit dem Glockenspiel werden drei Choräle gespielt, auch das gehört zur Tradition.

"Das Turmblasen in der Silvesternacht ist auch für uns Bläser etwas Besonderes. Anschließend stoßen wir gemeinsam auf das neue Jahr an und dann steigen wir herab und jeder geht zurück zu seiner privaten Silvesterfeier, die er um halb zwölf verlassen hat", erklärt Ziegelbauer.

Bei klarer Sicht bewundern die Musiker die Feuerwerke in Blaufelden, Gerabronn und Wallhausen. "Das ist die schöne Seite", sagt der Chorleiter, "nicht so schön ist es für uns, wenn unten auf dem Kirchplatz Raketen gestartet werden. Die explodieren dann direkt vor unserer Nase." In jedem Fall ist es ratsam, eine alte Jacke anzuziehen, denn der eine oder andere Funke von verglühendem Feuerwerk landet stets auf dem Turmumlauf.

In diesem Jahr hat Dekan Siegfried Jahn angekündigt, die Turmbläser in der Silvesternacht zu unterstützen. Seit er in Blaufelden ist, hat er sich dem 40-köpfigen Posaunenchor angeschlossen. "Mit der Tuba komme ich allerdings nicht auf den Turm hinauf. Da muss ich wohl besser die Zugposaune mitnehmen", meint er.

In sechs Chören hat Jahn schon mitgespielt, eine solch gute Gemeinschaft von drei Generationen, die gemeinsam musizieren, hat er selten erlebt. Jahn: "Mir ist keine Gemeinde bekannt, in der bei Wind und Wetter jeden Sonntag auf dem Kirchturm geblasen wird - und dann auch noch zum Jahreswechsel. Das ist wirklich einmalig."

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