Zu Gast bei Freunden

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Man könnte eine Menge Fakten und Zuschreibungen ins Feld führen, um Peter Altmaiers Bedeutung zu unterstreichen: dass er als Kanzleramtsminister und Minister für besondere Aufgaben in einem Büro direkt gegenüber von Angela Merkel residiert; dass die Kanzlerin ihm nicht nur das Management der Flüchtlingskrise, sondern auch des CDU-Wahlkampfs anvertraut hat; dass keinem in Berlin ein vollerer Terminkalender nachgesagt wird; dass ihm 178 000 Menschen beim Kurznachrichtendienst Twitter folgen; dass er nicht nur als Koloss, sondern auch als kolossal mächtig gilt.

Man kann aber auch einfach sagen: Altmaier ist derart bedeutend, dass wegen ihm das Jacobifest in Schrozberg um einen Abend verlängert wurde. Eigentlich hätte der CDU-Minister am Freitag sprechen sollen, doch es kam etwas dazwischen. Also Donnerstag. Also fünf statt vier Tage Feiern zu Jacobis Ehren. Die vielen Helfer des TSV Schrozberg, der heuer das Fest ausrichtet, brutzelten und zapften, der Musikverein legte den Klangteppich aus, auf dem Altmaier fast pünktlich und mit heroisch erhobenen Händen gen Bühne schritt, knapp 1000 Menschen (so die Angaben der CDU) applaudierten von Beginn an durchaus begeistert. Schnell war klar: Hier ist einer zu Gast bei Freunden.

Einer der Freunde: Wolfgang von Stetten, der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete, den Altmaier herzlich drückte. Er habe gleich in seiner ersten Legislaturperiode im Bundestag mit von Stetten im Rechtsausschuss gesessen, berichtete der Minister später: „Wir zogen immer an einem Strang. Es war nicht immer dieselbe Richtung, aber immer derselbe Strang.“ Als dann Christian von Stetten seinen Vater 2002 abgelöst habe, sei dieser „gleich zu meiner großen Überraschung an mir vorbeigezogen und zum schönsten Abgeordneten gewählt worden“, so Altmaier.

Derlei kabarettistische Qualitäten stellte der Saarländer in Schrozberg gleich reihenweise unter Beweis. Die CDU-Kreisvorsitzende Kathrin Heinritz habe es nicht leicht gehabt, ihn vom Kommen zu überzeugen, sagte er etwa – schließlich hätten Joschka Fischer, Rezzo Schlauch (Grüne) 200 und Franz Müntefering (SPD) 2009 auf dem Jacobifest gesprochen: „Kurz danach war es mit ihrer politischen Herrlichkeit auch schon vorbei.“

Er ging das Risiko trotzdem ein, stellte sich als mit Abstand nicht wichtigster, aber gewichtigster Minister des Kabinetts Merkel vor und hatte die Lacher auch auf seiner Seite, als er in den Wahlkampfmodus schaltete: Vor der Landtagswahl in seiner Heimat, dem Saarland, sei ein Schulz-Zug durch Deutschland gerast. Und dann: „Pünktlich um 18 Uhr fuhr er im Saarbrücker Hauptbahnhof ein, fuhr gegen die Wand und seitdem steht er da.“ Es ging im Festzelt derweil nicht nur spaßig zu, sondern auch um die Sache. Der TSV-Vorsitzende Steffen Zobel, Bürgermeisterin Jacqueline Förderer und CDU-Stadtverbandsvorsitzender Lothar Mühlenstedt sprachen in ihren Grußworten Themen wie Integration, Breitbandversorgung und Landwirtschaft an und forderten die Unterstützung der Bundesregierung. Mühlenstedt übrigens trug ein grünes Hemd, eine grüne Krawatte und kommentierte das mit den Worten „Die CDU ist tolerant und liberal“ – er ging dann aber doch nicht in Gänze auf Kuschelkurs mit dem hiesigen Koalitionspartner, als er für die Zeit nach der Bundestagswahl forderte: „Eines darf nicht sein: Das Innenministerium und das Landwirtschaftsministerium dürfen nie von einer grünen Partei regiert werden!“

A propos Innenpolitik: Die Krawalle von Hamburg sind noch in lebendiger Erinnerung. Altmaier sprach in Schrozberg zwar nicht wie auf Twitter von „linksextremem Terror“, aber er berichtete von der Wut, mit der er das Geschehen verfolgt habe. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine kleine, kriminelle Minderheit in diesem Land die Politik unter Druck setzt!“, sagte Altmaier und wandte sich gegen die ständige Kritik an der Polizei: „Dass wir unser freiheitliches Leben leben können, verdanken wir jungen Menschen bei den Sicherheitsbehörden.“

Und dass es Deutschland derzeit wirtschaftlich so gut geht, das verdankt es aus Altmaier-Sicht natürlich nicht zuletzt der CDU. Der Kanzleramtsminister hangelte sich routiniert durch den Wahlkampfdschungel – von Steuersenkungen über Soli-Kürzung bis hin zu Mütterrente, Familienförderung, Bildung und Investitionen in den ländlichen Raum.

Zum Abschluss gab’s Loblieder auf Europa („Die europäische Einheit ist das Beste, was den europäischen Völkern jemals passiert ist“) und Deutschland („Wir dürfen es nicht zulassen, dass dieses unser Land schlechtgeredet wird“). Wen all das nicht überzeugte, der war vielleicht zumindest beeindruckt vom Bierdurst des Ministers, der seinen Rest Frankenbräu auf der Bühne exte. Das Publikum johlte, Christian von Stetten und Kathrin Heinritz hielten noch kurze Reden, als Geschenke gab’s Hohenloher Leckereien, dann war Zeit für Selfies und Gespräche. Harmonie pur, von Kritik keine Spur. Es gibt wohl schlechtere Abende im Leben eines Kanzleramtsministers.

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