Zeit für ein schnelles, kühles Blondes? Nicht überall auf dem Land gibts das noch

Zur Heimat gehört zweifellos auch die Dorfkneipe. Das Problem ist nur, dass es davon immer weniger gibt. War der Gastraum mit Theke früher der zentrale Treffpunkt für viele im Ort, an dem fast alle Aspekte des Lebens verhandelt wurden, so haben sich die Gewichte heute eindeutig ins Private verschoben. Und die allseits gefürchtete Landflucht tut ein Übriges. . .

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Seit 1911 ist die "Kanne" in Ingersheim in Familienbesitz, 1690 wurde das Haus angeblich erstmals urkundlich erwähnt. Inhaber Karl Bäuerlein führt das Gasthaus seit mittlerweile auch schon 25 Jahren.  Foto: 

Selbst das Wirtshaus im Spessart hätte heute wohl Probleme zu überleben: akuter Gästemangel. Als Relikte einer vergangenen Zeit träumen die Altvorderen vielleicht davon, wie sie zu seligen Jugendzeiten in ihrer Dorfkneipe getanzt und gesungen haben, gesoffen sowieso. Und selbst die eine oder andere dezente Raubautzerei schwingt mit in den Erinnerungen. Man muss ja nicht gleich von der letzten Wirtshaus-Schlägerei schwadronieren.

Schluss, aus, vorbei. Um wie viele ehedem ehrwürdige Landgasthäuser und Dorfschänken sich Geschichten und Gerüchte ranken, ist selbst Legende. Fakt ist: Das große Wirtshaussterben hat längst begonnen. Immer mehr Traditionshäuser können mit (groß)städtischen Angeboten nicht mithalten, wenn sie nicht auf ganz spezielle Ideen setzen und sie clever als "Events" vermarkten.

Früher wurde in der "Krone", im "Grünen Baum", in der "Rose" Politik gemacht, wurden Geschäfte abgewickelt, Ehen angebahnt. Da waren Stammtisch und Frühschoppen obligatorisch. Auswärtige kamen gerade wegen der kernig-geselligen Truppe - oder dem Sepp, dem Trauben-Wirt. Vergangenheit! Zeiten ändern sich, die Zeit rast. Auch Letzteres mit ein Grund für die Landflucht, die auch die Dorfkneipe trifft. Einfach mal reinschauen und ein kühles Blondes zischen? "Keine Zeit!" Demografie und bessere Jobs in den Ballungszentren sind es deshalb nicht allein, die den Meistern am Zapfhahn auf dem Land zu schaffen machen, die bislang durchgehalten haben.

Wie Karl Bäuerlein (54) etwa. "Der Karle", wie ihn hier in Ingersheim alle nennen, ist so einer. Einer, der seinen Job als Aufgabe versteht, als "Berufung". Einst selber ausgezogen in die weite Welt, um in Ulm Wirtschaftsmathematik zu studieren, hat es den "Kanne"-Wirt 1989 wieder zurück in die heimatliche Gaststube gezogen. "Zu den Stammgästen der Eltern", von denen viele inzwischen gestorben sind. Seitdem führt "der Karle" seine Dorfkneipe mit ganz eigener Handschrift. "Nein, leicht ist das alles nicht", sagt er und zapft ein frisches Bier. "Im Prinzip ist das ein aussterbendes Gewerbe", orakelt er. Aber: "Ich wollte das Gasthaus nicht einfach abschließen."

Also macht er weiter, der Karle. Liefert zweimal im Jahr ein Hardrockkonzert im Saal, zehrt von Familienfeiern und Geburtstagen. Hochzeit, Beerdigung, Konfirmation: die ganze Palette. "Dann ist aber die ganze Familie in der Küche am Start", klärt er auf. Sonst gibts nur "die kleine Karte" - manchmal sogar dienstags, am Ruhetag. "Seltsamerweise kommen gerade dann oft ganze Trauben von Menschen", sagt er und lächelt.

Geht es weiter? Und wenn ja, wie?

Früher waren auch die örtlichen Kicker regelmäßig nach Training und Match da, "egal, ob gewonnen oder verloren wurde". Die kommen zwar immer noch, doch seit das neue Vereinsheim steht, merkt auch Karl Bäuerlein die Konkurrenz. Nur wenn große Fußballspiele anstehen, ist bei ihm die Hütte voll: "Ob sich das Sky-Abo aber auf Dauer bezahlt macht, ist fraglich." Sicher ist er sich also nicht, ob und wie es weitergeht.

Immerhin: Viele Jugendliche halten "ihrem Karle" die Treue. Ohne es zu wollen, hat er das selber initiiert, denn nirgends sonst im Dorf gibt es so viele Süßigkeiten aus den altbekannten großen Plastikdosen wie bei ihm - das Stück für zehn Cent. "Irgendwann hat mich einer von den Jungen mal gefragt, ob ich nicht diese Pfennig-Kaugummis hertun könnte - da wars passiert." Heute hat Karl Bäuerlein bis zu 20 Lecker-Schmecker-Sorten im Angebot. Und erteilt - das am Rande - so manchem Junior schon mal Mathe-Nachhilfe. Gelernt ist schließlich gelernt.

Ernst wird er, wenn es um seine älteren Stammgäste geht. "Das werden immer weniger, die sterben einfach weg", weiß er sich einig mit vielen Kollegen auf dem Land. Wenn nur die Wirte blieben! Kaum eine Branche ist so im Wandel wie das Gastgewerbe. Die Fluktuation liegt bei 25 Prozent - pro Jahr. Nicht zuletzt das spürt die Dorfgastronomie.

Wohl dem, der einen "Karle" im Dorf weiß! Spätestens wenn sich der halbe Ort bei ihm zum "Dorfsingen" trifft, weiß man: Es ist noch nicht alles verloren.

Dialog soll Wirte und Kommunen an einen Tisch bringen

"Rathaus trifft Wirtshaus" ist Titel eines Dialogs zu den Perspektiven der Gastronomie auf dem Land, zu dem der Verband Dehoga Gastwirte und Kommunalvertreter an einen Tisch bittet. Den Beteiligten ist klar, dass es kein Patentrezept auf Erhalt der Gasthaus-Kultur im ländlichen Raum geben kann. Dennoch soll die Gastronomie Aushängeschild eines Ortskerns bleiben - bei allen Problemen, die sich auftun. Zum Beispiel Mitarbeitergewinnung, Öffnungszeiten, oft geringer Verdienst, persönlicher Einsatz und Familienarbeit.

HT

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