Zeichen setzen wie das Vorbild aus Assisi

Gedanken zum Sonntag von Pastoralreferent Wolfram Rösch von der Kirchengemeinde St. Markus in Schwäbisch Hall.

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Unprätentiös, zuweilen unkonventionell, in jedem Fall aber auf neuen Wegen unterwegs: Papst Franziskus - hier mit dem Wimpel "seines" argentinischen Heimatvereins San Lorenzo de Almagro. Foto: dpa

Vor einem Jahr stand bei mir ebenfalls das Wort zum Sonntag an. Zur gleichen Zeit trafen sich in Rom die Kardinäle, um den neuen Papst zu wählen. Für mich hieß es: Auf das Ergebnis der Wahl warten, oder etwas schreiben, das immer passt? Kurze Rücksprache mit der Redaktion und die Antwort, dass bis Donnerstag der Text da sein müsse. Am Mittwochabend war die Überraschung groß, als der Argentinier Jorge Bergoglio gewählt wurde. Er gab sich den Namen Franziskus.

Damals wünschte ich Franziskus, dass es ihm gelingen möge, in die Fußspuren des großen Heiligen zu treten, sich für eine arme Kirche einzusetzen und keinen Unterschied zwischen den Menschen zu machen. Inzwischen ist der Papst ein Jahr im Amt. Viele Erwartungen hat er sogar übertroffen, was sich schon an kleinen Äußerlichkeiten zeigt: Weiter wohnt er im Gästehaus und nicht im päpstlichen Palast. Den Aufzug benutzt er nicht allein, was vorher unmöglich war. Die "Dienstlimousine" ist ein alter Renault 4, und an den Füßen trägt er seine ausgelatschten schwarzen Schuhe.

Franziskus stellt wie sein Namensgeber in der Kirche vieles auf den Kopf. Er ist mitten unter den Menschen, besucht Flüchtlinge auf Lampedusa und feiert dort einen Gottesdienst für Ertrunkene. Er umarmt die Schwächsten der Gesellschaft. Und in seinem Schreiben "Die Freude des Evangeliums" kritisiert Franziskus massiv den menschenverachtenden Kapitalismus. Aber er bleibt nicht nur bei schönen Worten stehen. Er ordnet die vatikanischen Finanzen, brüskiert manche Würdenträger, weil er sich nicht ans Protokoll hält und wäscht am Gründonnerstag die Füße von Strafgefangenen. Für Konservative war das ein Affront, denn erstens waren Frauen dabei und zweitens war die päpstliche Fußwaschung früher nur Kardinälen vorbehalten.

Franziskus setzt Zeichen und zeigt damit deutlich, dass man nicht immer ihn fragen muss, was zu tun sei und abwarten, bis eine neue Verlautbarung erschienen ist. "Packt einfach mit an", so verstehe ich ihn. Und direkt meinte er, dass wir zu den Menschen gehen müssen, um dort die frohe Botschaft vom Leben zu verkünden. Das heißt: Nicht ständig nach oben schauen, was von dort kommt, sondern nach unten, wo die Not ist, wo die Menschen uns brauchen. Franziskus weiß, dass die Kirche an Bedeutung verloren hat. Manche bisherigen Selbstverständlichkeiten stehen neu zur Debatte, und der Vertrauensverlust durch die Missbräuche und die Limburger Affäre wiegen schwer, besonders in Deutschland. Er hat gewiss kein leichtes Amt übernommen. Ich beneide ihn nicht, sondern bewundere ihn, wie er immer wieder neu für Überraschungen sorgt.

Jede Generation braucht Querdenker, Menschen, die Impulse geben und neue Wege beschreiten. Franziskus gehört für mich dazu. Er hat das Papstamt entrümpelt und zu einem Dienst für die Menschen umgestaltet. Wer verändern will, muss unten an der Wurzel anfangen. Radikal sein ist ein Fremdwort dafür. In diesem Sinn ist Franziskus ein Radikaler. Alleine wird er nicht alles schaffen. Wie sein Vorbild aus Assisi braucht er Menschen, die auf seiner Seite stehen, egal ob gläubig oder nicht, katholisch, evangelisch, oder einer anderen Religion zugehörig. Gemeinsam kann vieles gelingen. Warum nicht?

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