Integration: Ein Verein schaut in die Röhre

Bei der TSG Kirchberg spielen etwa 40 junge Flüchtlinge. Sie zu integrieren ist ein Kraftakt, bei dem sich der Klub nicht genügend unterstützt fühlt.

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Wo soll man anfangen? Bei der TSG Kirchberg brodelt es und das gewaltig. Der Klub fühlt sich alleingelassen von den Fußballverbänden. Kaum ein Sportverein hat so viele Flüchtlinge im Vergleich zur Gesamtgröße. Damit verbunden ist ein Integrationsakt, der bisher alles andere als glatt gelaufen ist.

Herbst 2015: Die Flüchtlingswelle hat Deutschland mittlerweile vollständig erfasst. Auch in Kirchberg sind die Auswirkungen des Zustroms längst zu spüren. Das Adelheidstift ist bereits belegt, auch im Schloss sollen Geflüchtete zukünftig Unterkunft finden. Und: Die Neuankömmlinge wollen Fußball spielen.

Juli 2017: Marcel Engel, Leiter der Fußballjugend der TSG, und Vorsitzender Jürgen Grasmüller sitzen an einem Tisch vor dem Vereinsheim an der Jagst. Es ist warm, ein paar Meter weiter hat die F-Jugend das letzte Training der Saison. Mittlerweile hat sich die Flüchtlingssituation etwas gebessert, angespannt bleibt die Lage trotzdem. „Ich bin stolz auf unsere Jugendabteilung“, sagt Grasmüller.

TSG ringt mit Bürokratie

Rund 40 junge Flüchtlinge, schätzt Engel, spielen zurzeit bei der TSG Fußball. Sie zu integrieren strapaziert den Verein. Ob Trainer, Sportkleidung oder Bälle – es mangelt an vielem. Und dann sind da bürokratische Hürden. Um einen Spielerpass zu erhalten, muss der Antragsteller einen Ausweis beim Landesverband vorlegen. Das kann ein Reisepass sein, aber auch eine Aufenthaltsbestätigung. Jugendliche ab zwölf Jahren müssen außerdem nach Vorschrift des Weltverbandes FIFA ein internationales Freigabeverfahren durchlaufen.

Und genau hier liegt das größte Problem der Kirchberger: Das Verfahren beim Weltverband ist kompliziert, voller zusätzlicher Bestimmungen. Die Eltern der Flüchtlinge sind damit meistens überfordert. Die Formulare gibt es nur auf Deutsch, manchmal auch auf Englisch. So bleibt die Arbeit an den Vereinen hängen. Unter anderem muss der Heimatverband des Antragstellers kontaktiert werden. Erfolgt binnen 30 Tagen keine Rückmeldung (das ist bei einem Krisenstaat wie Syrien der Normalfall), erhält der Antragsteller trotzdem seinen Spielerpass.

Für das komplexe Verfahren gibt es einen Grund: Die FIFA möchte verhindern, dass minderjährige Kicker Opfer von skrupellosen Beratern werden, die diese Spieler in alle Welt verschicken. Dass das Prozedere für ein international begehrtes Nachwuchstalent letztlich dasselbe ist wie für einen Kriegsflüchtling, wirkt jedoch wie eine Farce.

„Ich halte 30 Tage für eine zumutbare Frist. Wenn das Verfahren ein viertel oder ein halbes Jahr dauern würde, könnte ich die Kritik verstehen“, sagt Pressesprecher Heiner Baumeister vom Württembergischen Fußballverband (WFV). Der Alltag in den Vereinen sieht anders aus, schließlich beantragt ein Klub nicht für jeden neuen Spieler sofort einen Pass. „Man muss zumindest mal zwei, drei Wochen warten und schauen, ob das Sinn ergibt. Dann erst kümmert man sich um die Papiere“, sagt Marcel Engel. So könne es passieren, dass vom ersten Training bis zur Spielberechtigung Monate vergehen.

Die TSG fühlt sich vom Deutschen Fußballbund (DFB) nicht richtig unterstützt. Vom Verband gab es einen Zuschuss über 500 Euro vom Projekt „1:0 für ein Willkommen“. Es ist für Vereine, die mindestens fünf Flüchtlinge aufgenommen haben. Auf der DFB-Homepage ist von einer „erfolgreichen Kampagne“ die Rede.

Marcel Engel hingegen findet eine Pauschale ungerecht und wünscht sich eine Staffelung. „Wenn ein Verein 40 Flüchtlinge aufnimmt, ist das toll, aber es schlägt sich nicht direkt im Zuschuss der Fußballverbände nieder“, sagt Heiner Baumeister dazu. Zu allem Überfluss bekam die TSG in der vergangenen Saison Strafen aufgebrummt, weil sie in der Jugend zwei Spieler ohne Spielerlaubnis aufgestellt hatte. Für beide war der Pass lediglich beantragt. Die TSG ging davon aus, dass das genügt. Das habe ein Staffelleiter versichert, sagt Engel. „Eine verbindliche Auskunft zur Spielberechtigung gibt es nur bei der WFV-Geschäftsstelle. Eine Auskunft vom Staffelleiter reicht sportrechtlich nicht aus“, sagt Baumeister.

WFV-Vorsitzender kommt

Doch nicht nur die Verbände bereiten dem Sportverein Sorgen: Aktuell leben in Kirchberg 216 Flüchtlinge. 190 von ihnen wohnen in vorläufigen Unterbringungen. In diesen dürfen sie höchstens zwei Jahre bleiben, ehe sie in eine Anschlussunterbringung ziehen. In Kirchberg gibt es davon eine, das ehemalige Gasthaus Stern. Es hat 26 Plätze.  Das führt dazu, dass viele Flüchtlinge nach ein paar Monaten die Stadt verlassen müssen. Die TSG schaut dann in die Röhre: Sie hat sich durchs Antragsverfahren gekämpft, den Spieler integriert – und plötzlich ist er weg.

Immerhin scheint sich etwas zu tun. Der Verein steht in Kontakt mit Ex-Bundesligaschiedsrichter Knut Kircher, der  Ehrenamtsbeauftragter des WFV ist. Im November wollen Kircher und der Verbandsvorsitzende Matthias Schöck nach Kirchberg zu einem Dialog kommen. An eine schnelle Abhilfe bei den FIFA-Regularien glaubt Heiner Baumeister nicht: „Am FIFA-Freigabeverfahren wird sich mittelfristig nichts ändern.“ Marcel Engel kann das nicht nachvollziehen. „Die deutschen Verbände müssen nach oben Druck machen.“

Damit ein Fußballer in Deutschland in Punktspielen eingesetzt werden kann, braucht er einen Spielerpass (ausgenommen sind Kinder unter zehn Jahren). Den können Vereine beim zuständigen Landesverband beantragen. Ausländer ab zwölf Jahren müssen das internationale Freigabeverfahren der FIFA durchlaufen: Nach dem Pass-Antrag gelangt eine Anfrage über den DFB an den Verband aus dem Herkunftsland. Dann beginnt die 30-Tage-Frist. Kommt in dieser Zeit keine Antwort, erhält der Spieler trotzdem seinen Pass. Für Minderjährige muss außerdem eine Meldebestätigung der Eltern und eine Einverständniserklärung der Eltern vorgelegt werden. lex

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