Woyzeck als Light-Version in Ilshofen

Die musikalisch abgemilderte Interpretation von Georg Büchners Sozialdrama "Woyzeck" gefiel am Samstag dem Ilshofener Theaterpublikum. Viel Beifall gab es für die Württembergische Landesbühne.

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Georg Büchners Geschichte vom tragischen Untergang einer gequälten Kreatur gilt als erstes Sozialdrama der Neuzeit. Normalerweise schwere Kost und nur etwas für belastbare Theatergänger. Die Württembergische Landesbühne Esslingen macht jedoch mithilfe der eingängigen Songs von Tom Waits ein lockeres Musical aus dem schwermütigen Werk.

Georg Büchner wurde 1837 im Alter von nur 23 Jahren von einer Typhusepidemie dahingerafft. Den "Woyzeck" hinterließ er als Fragment mit ungewisser Szenenfolge. Es wurde erst nach seinem Tod entdeckt und in seiner Bedeutung erkannt. Noch heute birgt das Werk jede Menge sozialen Zündstoff. Büchner selbst fand die Vorlage in dem 1821 zum Tode verurteilten Johann Christian Woyzeck, der seine Geliebte umgebracht hat, aber möglicherweise bei der Tat geistig nicht zurechnungsfähig war. Trotzdem wurde er wegen eines zweifelhaften ärztlichen Gutachtens hingerichtet.

Büchners Figur kann als Soldat mit schmalem Sold seine Geliebte Marie und das gemeinsame Kind nicht ernähren. Er verdient sich etwas hinzu, indem er medizinische Experimente über sich ergehen lässt. Den "armen Kerl" umgibt Büchner mit den karikaturistisch gezeichneten Figuren des Hauptmanns und des Doktors, dargestellt von Ulf Deutscher und Ralph Hönicke.

In der Inszenierung von Marcel Keller ist Woyzeck ein knuffiger Typ. Tollpatschig und geistig etwas unterbelichtet, aber durchaus gutmütig stellt Florian Stamm die Hauptfigur dar. Auch sein Kamerad Andres, von Benjamin Janssen verkörpert, kommt recht schusselig daher. Der Tambourmajor, der Woyzeck die Freundin ausspannt, ist ebenfalls als satirische Witzfigur überzeichnet. Antonio Lallo zeigt ihn als dumpfbackigen Schlägertypen.

Kristin Göpfert hingegen scheint als Marie nicht von ungefähr Ähnlichkeit mit Liza Minnelli zu haben. Wie einst die amerikanische Entertainerin singt und tanzt sie sich durch ein filmreifes Cabaret. Eine runde, schräg gestellte Holzbühne erscheint wie eine überdimensionale Schallplatte - in der Mitte die vierköpfige Band, die alle Songs live begleitet. Und singen können alle, auch die Nebendarstellerinnen Nina Mohr und Marie Mayer.

Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen die Liedtexte nur in Englisch wiedergegeben werden. Tom Waits Vertonung des Stücks mit Pop-Melodien in Blues-, Jazz- und Rockrhythmen machen den schweren Stoff zu einem angenehm-unterhaltsamen Musikerlebnis.

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