Witwe aus Bächlingen als raffinierte Steuersünderin

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Manchmal aber doch. Viel Geld ist im Spiel, Steuerflucht, Steueroasen, Selbstanzeige, ein Strafverfahren, betroffen ein ehrbarer, hochgeachteter Mann - die Geschichte spielt nicht in München, ist 350 Jahre alt und ereignete sich in Langenburg.

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"Geflochtene Hände, gebeugte Knie": Ausschnitt des Epitaphs für Melchior Brenner und seine Familie in der Bächlinger Kirche. Die Witwe des Steuersünders hatte vor 350 Jahren ein Strafverfahren am Hals.  Foto: 

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Manchmal aber doch. Viel Geld ist im Spiel, Steuerflucht, Steueroasen, Selbstanzeige, ein Strafverfahren, betroffen ein ehrbarer, hochgeachteter Mann - die Geschichte spielt nicht in München, ist 350 Jahre alt und ereignete sich in Langenburg.

Im Neuensteiner Zentralarchiv des Hohenloher Fürstenhauses finden sich noch Akten, die weit, sehr weit, zurückreichen. Im Büschel 759 LXI. No. 26 ist die "Acta betr. Weylandt Melchior Prenners Gerbers zu Bechlingen in der Anlaag Verschwiegene Paarschaft, dahero deenen Erben angesetzte Strafe" akribisch dokumentiert. Übersetzt: Strafverfahren gegen die Erben des Gerbers Melchior Brenner wegen nicht erklärten steuerpflichtigen Bargeldbesitzes zum Nachteil des "hochgeborenen Graffen undt Herrn Heinrich Friederichen Graven von Hohenloe und Gleichen, Herrn zu Langenburg und Cranichfeld".

Die Geschichte beginnt mit einem "Decret" vom 5. Mai 1663. Darin wird dem Steuerschuldner eine Strafe von 300 Gulden aufgebrummt, nach heutigem Wert stolze 12 000 Euro. Doch das war erst der Anfang.

Der Tatbestand

Im April des Jahres 1663 gerieten in Bächlingen die Frau des Pfarrers und die Gerberin in Streit. Die Pfarrerin rannte deshalb zur gräflichen "Cantzley" in Langenburg und beschwerte sich. Nebenbei erzählte sie, der Gerber habe dem Pfarrer 600 Gulden, (nach heutigem Wert etwa 25 000 Euro) im Geheimen anvertraut. Das hieß, dieser ansehnliche Betrag war dem gräflichen Zugriff bewusst entzogen worden. Heute wird so was nicht vom Pfarrer, sondern von einer Schweizer Bank erledigt.

Am 5. Mai 1663 erging deshalb prompt das genannte "Decret" (Strafbefehl). Der Kanzleirat konnte sich dabei den süffisanten Hinweis nicht verkneifen, dass es durchaus nahe gelegen hätte, den Gesamtbetrag zu "confiszieren". Man wolle für diesmal jedoch noch einmal den "gelinderen Weg" gehen.

Das Schicksal aber war weniger gelinde gestimmt. Am 16. Mai 1663 verstarb der 66-jährige Brenner auf einer Hochzeit in Nesselbach. Er hinterließ seine Frau Ursula, drei Söhne und eine Tochter.

Bereits am 18. Mai reichten die Erben das Vermögensverzeichnis ein. Es offenbarte eine Überraschung. Der Verblichene hatte nicht nur beim Pfarrer Geld deponiert, sondern verfügte zusätzlich über eine Barschaft von 3183 Gulden und verbriefte Guthaben in Höhe von 2207 Gulden (rund 215 000 Euro). Das hatte er zu Lebzeiten brav verschwiegen. Doch wenn die Nachkommen erben wollten, mussten sie sich offenbaren. So war das Gesetz. Die Kanzleibeamten waren jetzt hellhörig. Trotz der "Selbstanzeige" ermittelten sie weiter. Dann luden sie die Erben vor. Hausdurchsuchungen und Haftbefehle waren in der damaligen Grafschaft Hohenlohe wohl noch nicht so verbreitet, aber ermittelt wurde schon.

Das Verhör

Am 30. Juni 1663 erschien "die Wittib", unterstützt von ihrem Vater und den erwachsenen Stiefsöhnen in der Kanzlei. Die Witwe, zum Zeitpunkt der Geschichte gerade mal 33 Jahre alt, stammte aus Dinkelsbühl und muss eine resolute und durchsetzungsfreudige Person gewesen sein.

Denn sie lieferte den Beamten eine "Abwehrschlacht", die noch heute für verstockte Steuersünder eine durchaus Erfolg versprechende taktische Anleitung abgeben würde, wie das Protokoll zeigt.

Reine Ahnungslosigkeit

Kanzleirat: "Ob Sie sobald ihr Mann gestorben nicht irgents vor der Inventur etwas auf die Seite gethan? Oder auch bey Leben Ihres Mannes nicht irgent ein ansehnliches Stück Vermögens nach Dinkelspül, Windtsheim oder ein ander Orth gebracht, oder auch irgents Gelt hingeliehen?"

Witwe: "Habe nichts auf ein Seiten gethan, nichts nach Dinkelsp. oder Windtsheim heimlich verbracht."

Eigentlich hätte die Witwe jetzt die Nachtigall trapsen hören können, denn sowohl Dinkelsbühl als auch Windsheim waren Freie Reichsstädte, die damaligen Offshore-Steueroasen für Hohenloher Untertanen.

Jetzt wird der Kanzleirat konkret: "Habe sie ein Wissen von 300 Gulden zu Dinkelspül? Die zu Nürnberg (!) im Zinß stehenden 4000 Gulden betreffend, worumb sie Wittib nur 2000 Gulden bey der Inventur angezeigt?"

Winkelzüge

Witwe: "Die 300 Gulden sey Ihr von Ihrem Mann selig legirt (zu Lebzeiten überschrieben) worden, dessen sie schriftlich Gezeugnus bey handen (allerdings konnte sie das Testat nicht vorlegen). Bezüglich der 4000 Gulden, habe sie es nit verstanden, sey der Meinung gewest, weil ihr Mann seel. solch gelt in diesem Land nicht erworben, dörff es auch nit verschezt, wenig bey der Inventur angezeigt werden."

Ganz einfach also: Die 300 Gulden gehören mir und nicht zum Erbe und die 4000 dachte ich, gehen die Hohenloher nichts an, weil außerhalb erworben. . .Taktisch nicht schlecht, dieser Winkelzug, klingt nach Steuerberater.

Kanzleirat: "Wolle man Sie nochmal alles ernsts erinnert haben, sich wohl zu bedenken und ja nichts zu verschweigen, denn widrigenfalls Unserer gnädigen Herrschaft expresslich Befehl sey, Ihr einen leiblichen Eid, aufs allerschärpfste eingerichtet, abzunehmen."

Die Witwe "nahm hierauf einen Abtritt, um sich zu bedenken"

Der tapferen Ursula wurde es scheinbar jetzt doch etwas mulmig. Die Sache mit dem Eid, die ging ans Seelenheil. Ob allerdings der "allerschärpfste leibliche Eid" heute auch noch fruchten würde, dies darf bezweifelt werden. Aber für so was ist heute die Zeitung mit den großen Buchstaben zuständig. Da brauchts kein Fegefeuer mehr.

"Über ein guet Weil" nach ihrem Abgang erscheint die Witwe wieder. Sie hat sich bedacht und räumt weitschweifig und verklausuliert alles ein. Sie gesteht sogar noch ein Konto in Braunsbach, im Hällischen.

Geordneter Rückzug

Aber gleichzeitig macht sie Schulden geltend, die ihr die teure Leichenfeier beschert hat, die Löhne für die Dienstboten, die noch zu zahlen sind, die Ausbildungskosten für ihren kleinen Sohn.

Nach einem Hin und Her, das den ganzen Tag andauerte, wird sie schließlich letztmals gefragt, ob sie ihre Aussage jetzt mit "einem leiblich Eyd zu bestärken getrawe". Und diesmal sagt sie ja, sie "wiße auch weiter nichts".

Am Ende des Tages liegen 8000 Gulden auf dem Tisch, bislang gut versteckt auf verschiedenen Konten in den umliegenden Reichsstädten, außerhalb der Reichweite der gräflichen Kanzlei. Der Graf ist gar nicht amüsiert und erlässt stante pede ein "Decret", demzufolge die gesamte Summe "confiscieret" sei, nach heutigem Wert immerhin rund 320 000 Euro. Keine Nachzahlung, sondern Strafe! Der ganze Verdienst ist weg, das klingt vertraut.

Jammern und flehen

Doch der Graf hat die Rechnung ohne die streitbare Ursula gemacht. Sie wirft sich dem Grafen "mit zusammen geflochtenen Händen und gebogenen Knien" sozusagen zu Füßen, bittet im Namen ihrer "armen unschuldigen Erden Würmblein" um des Adligen "landberühmte Gnade". Im Protokoll erstreckt sich die Suada über eine ganze Seite - und hat Erfolg.

Der Graf ist gnädig und ermäßigt die Strafe auf 3500 Gulden. Doch die Witwe gibt noch nicht auf. Noch einmal wird sie vorstellig. Sie verspricht dem Grafen für seine nochmalige Gnade "Gottes tausentfältigen Lohn", eine "vil jährig gesunde Lebensfrist" und versäumt es auch nicht darauf hinzuweisen, dass ihr Jüngster, gerade elf Jahre alt, studieren und Pfarrer werden wolle, wozu Geld nötig sei. Und es könne ja nicht im Sinne des Grafen sein, der Kirche einen solch begierigen Studenten vorzuenthalten.

Die Langmut des Grafen nötigt noch heute Bewunderung ab. Zum "aller letzten Mahle" lässt er sich erweichen, reduziert die Strafe auf 3000 Gulden und gewährt Teilzahlung. Die Witwe hat sich durchgesetzt.

Genialer Schachzug

Dieser Schachzug der Witwe wäre auch heute noch genial, zumal in Bayern: Der Kirche einen Pfarrer versprechen, da kann die Absolution nicht weit sein.

Damit endet die Akte, aber nicht die Geschichte: Der ehr- und achtbare Steuersünder kann heute noch bewundert werden - und zwar an der Ostwand der Bächlinger Kirche. Dort ist er samt seiner Familie in Stein gehauen - mit "geflochtenen Händen und gebogenen Knien".

Wie er es auf diesen Ehrenplatz geschafft hat, ist noch unerforscht. Aber wir dürfen ziemlich sicher sein, dass seinem heutigen Bruder im Geiste Uli H. trotz des Sündenfalls auch ein Denkmal gewidmet werden wird - wenn auch in einer anderen Kultstätte als einer Kirche. Info Die kursiven Zitate stammen aus den Original-Akten.

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