Wie es ist, wie es sein könnte

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Die erste "Landpartie" nach Michelbach/Lücke hat am Sonntag ein Publikum aus Stuttgart unternommen, denn: Das Dorf ist in den Fokus der Theaterkunst gerückt (das HT berichtete). Melanie Mohren und Bernhard Herbordt haben gemeinsam mit Michelbacher Bürgern Installationen geschaffen. Das Autorenkollektiv arbeitet schon länger an einem erweiterten Theaterbegriff. Das Stuttgarter "Theater Rampe" bot ihnen nun die Möglichkeit zu einer Verwirklichung ihrer Ideen. Einhellige Meinung der "Premierenbesucher": Eine sehr detaillierte, eigene Welt habe man da erschaffen.

Im Wesentlichen kommt ihr "Das Theater" genanntes, bisher sicherlich einmaliges Projekt - fünfter Teil eines sechsteiligen Zyklus - ohne Darsteller aus. Die Schauspieler Judica Albrecht und Armin Wieser haben für die Stuttgarter Gäste nur kleine Rollen als Fremdenführer übernommen, bei der Begrüßung vor Ort und im Bus als fiktiver Ortsvorsteher und fiktive Bürgermeisterin. Sonst sind sie auf Video im sogenannten Gästehaus in der Hofgasse zu erleben. Im gleichen, von Günter Wiedmann zur Verfügung gestellten, leer stehenden Gebäude befindet sich unterm Dach das sogenannte Postkartenmuseum - ein nachgebautes Modell des bereits abgerissenen Wiedmannhauses, des ehemaligen Schulgebäudes. Gabriela Oberkofler habe, so sagen die Macher, die Postkarten gezeichnet, nicht vor Ort, sondern auf dem Weg von Stuttgart nach Michelbach, wo sie jedoch nie angekommen sei. Die Postkarten sollen ein fantastisches Dorf zeichnen.

Denn das Fiktive oder (noch) nicht Geschehene ist ein weiterer Bestandteil des Projekts. So lassen die künstlerischen Leiter vieles offen, etwa, wenn man im zum Theater erklärten evangelischen Gemeindehaus sitzt, nach draußen auf den künftigen Dorfplatz schaut und dazu einem kleinen Hörspiel lauscht. Peter Handkes Theaterreformprojekt "Die Stunde, in der wir nichts voneinander wussten" wird darin ebenso angeführt wie eine Wanderung von Mohren und Herbordt von Stuttgart nach Michelbach, und was auf dem Dorfplatz geschehen könnte.

Verlässt man das "Theater" und geht über den Platz, wird man selbst vom Zuschauer zum Akteur. Als solcher kann man etwa ins Kino gehen, das in einem Kellergewölbe im Schloss untergebracht ist. Dort kommen in einer Dokumentation am Projekt beteiligte Michelbacher selbst zu Wort und verraten etwa, warum sie in diesem Ort leben.

Das Kino soll auch anderen wie dem Jugendclub oder der Dorfgemeinschaft für Filmabende zur Verfügung stehen, genauso wie Michl Schmidts "Cake Sculpture" vor dem Gemeindehaus für Festlichkeiten. An dieser Skulptur wird vor Aufführungen von Gordon Kampes "Michelbach-Sinfonie", die durch Improvisationen des Publikums und der Dorfbewohner lebendig wird, Kuchen angeboten. Den organisiert Renate Schenkel von den Landfrauen - ebenso wie das Mittagessen in der "Kantine" genannten Gaststätte "Zum deutschen Haus".

Alle diese Aktionen sind aus Initiativen der Dorfbewohner hervorgegangen. Eine weitere ist das "Museum" in der Scheune von Wilma Reiss im Kreuzweg. Hier werden wechselnde Ausstellungen mit Künstlern aus der Region zu sehen sein. Im Moment sind Fotografien und Exponate von Axel Wiczorke aus Kirchberg zu sehen.

Eine weitere Initiative nennt sich "Nachbarschaftsakademie": eine Holzbank am Weg zur Kirche. "Sie können beginnen, sobald zwei Personen auf der Bank Platz genommen haben und anfangen, miteinander zu sprechen", heißt es dazu.

Alle Initiativen, Aktionen und Theaterbesuche werden schließlich im Archiv im Dachstuhl des Bürgerhauses dokumentiert, sodass dort ein Wissensspeicher entsteht, in dem das Publikum nochmals die Funktion des Akteurs erhält. Die Besucher hatten sich im Projekt geradezu verloren und klagten über fehlende Zeit. Die Michelbacher selbst schauten sich danach alles noch mal an - und schlossen es irgendwie ins Herz. Info Die nächste "Theaterbesuche" von Stuttgart aus sind für den 1., 15. und 29. November sowie für den 13. Dezember vorgesehen und im nächsten Jahr ab dem 10. Januar fast durchgehend alle zwei Wochen.

Hintergrund zum Projekt

Von Professorin Kerstin Gothe vom Karlsruher Institut für Technologie seien er und Melanie Mohren auf Michelbach hingewiesen worden, berichtet Bernhard Herbordt. Das Dorf erschien ihnen ideal für ihr Projekt, auch weil hier mit dem Bau eines Dorfplatzes etwas verändert werden soll.

Denn Veränderung ist Bestandteil der Dorfinszenierung. Nicht Michelbach allein, wie es existiert, solle dokumentiert werden. Geschichten von woanders und Erfundenes wie Mögliches sollten genauso dazukommen: Was Michelbach eben sein könnte, aber nicht sein muss. Das, was es gibt, soll überstiegen werden. So ist es ein offenes, spannendes Projekt, das noch bis zum Juni nächsten Jahres fortgesetzt wird - und danach vielleicht von den Michelbachern selbst darüber hinaus. snu

SWP

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