Widerstand ist nicht, er wird

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  • Auch in Crailsheim sind die Geschwister Scholl unvergessen, wie dieses Graffiti an einer der Gebäudemauern des städtischen Baubetriebshofes zeigt. Hans und Sophie wurden vor 70 Jahren von den Nazis in München ermordet. Privatfoto 1/4
    Auch in Crailsheim sind die Geschwister Scholl unvergessen, wie dieses Graffiti an einer der Gebäudemauern des städtischen Baubetriebshofes zeigt. Hans und Sophie wurden vor 70 Jahren von den Nazis in München ermordet. Privatfoto
  • Bundes- präsident Joachim Gauck nach seiner Rede an der Münchner Universität. Foto: afp 2/4
    Bundes- präsident Joachim Gauck nach seiner Rede an der Münchner Universität. Foto: afp
  • Hans Scholl. Foto: HT-Archiv 3/4
    Hans Scholl. Foto: HT-Archiv
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Die Gedächtnisvorlesung zum 70. Jahrestag der Ermordung von Hans und Sophie Scholl in München hielt am Mittwoch Bundespräsident Joachim Gauck an der Ludwig-Maximimilians-Universität. Er würdigte den Mut der jungen Menschen. Hans Scholl, Kopf der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose", wuchs in Ingersheim, heute ein Stadtteil von Crailsheim, auf. Sein Vater Robert war Bürgermeister der damaligen Gemeinde Ingersheim-Altenmünster. Nachfolgend veröffentlicht das HOHENLOHER TAGBLATT die Rede des Bundespräsidenten in Auszügen:

"Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen." So sagt es Sophie Scholl am 22. Februar 1943 Roland Freisler ins Gesicht - dem gefürchteten Präsidenten des sogenannten "Volksgerichtshofs", und der hat sie noch am selben Tag zum Tode verurteilt und hinrichten lassen. Wie ihren Bruder Hans, wie Christoph Probst, den dreifachen jungen Familienvater, wie später die Mitstreiter Alexander Schmorell und Willi Graf, wie ihren Professor, Kurt Huber, und wie zwei Jahre später, im Januar 1945, Hans Leipelt. Ermordet, weil sie hingeschaut haben, weil sie sich empört haben, weil sie gehandelt haben, weil sie Verbrecher Verbrecher nannten und Morde - Morde, und Feigheit - Feigheit. Sie machten das Unrecht öffentlich - mit ihren so bescheidenen Mitteln. Weil sie auch andere bewegen wollten, hinzusehen und nicht mehr zu schweigen.

"Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen": In diesen Worten stecken die ganze Verzweiflung, Einsamkeit, aber auch die ganze Hoffnung und der Mut der jungen Frau und ihrer Mitstreiter. Und darin steckt zugleich so viel, was uns heute noch immer anspricht, es wird uns morgen und übermorgen noch ansprechen, weil es uns anspornen kann, und weil es wohl immer auch eine Art Beunruhigung gibt, ohne die wir stumpf werden.

Wir leben - zum Glück - in völlig anderen Zeiten. In einem Staat, in dem das offene Wort oder Kritik an politischen Zuständen nicht ins Gefängnis führt oder gar aufs Schafott. Wir leben in einem Gemeinwesen, in dem das Engagement für Freiheit, Demokratie, die Wahrung der Menschenrechte nicht todeswürdig, sondern im Gegenteil höchst erwünscht ist. Und dennoch kennen wir - angesichts der Herausforderungen unserer Zeit - diese als Fragen getarnten Ohnmachtserklärungen: "Was kann denn ein Einzelner schon ausrichten?" "Was nützt es, wenn ich anfange, solange die anderen nicht mitziehen?"

Diese Fragen von vornherein als einen Ausdruck von Desinteresse oder Feigheit zu bezeichnen, das wäre zu einfach. Tatsächlich begegnet uns ja in ihnen, wenn sie ehrlich gemeint sind und nicht einfach nur verschleierter Eskapismus sind, auch eine Form von Rationalität, die das eigene Tun und die eigenen Kräfte nur einem tatsächlich erreichbaren Ziel widmen möchten - denn wer will sich schon für "nichts" anstrengen oder für "nichts" in Gefahr bringen?

Die Widerstandskämpfer des 20. Juli - um eine andere Gruppe zu nennen - haben sich übrigens durch diese Frage nicht von ihrem Widerstand abhalten lassen. Ihr Widerstand erschien ihnen auch dann sinnvoll, wenn sie unterliegen würden. Sie hätten dann wenigstens den Beweis erbracht, dass nicht alle Deutschen ehr- und gewissenlos gewesen seien - und sie hätten damit nach dem kommenden Ende der kommenden Katastrophe dem neu zu gründenden Deutschland Vorbilder hinterlassen - einen beständig wirkenden Hinweis darauf, wie wichtig die Haltung Einzelner immer und überall sein würde, und hoffentlich eine tragfähige Moral für die Zukunft. Ihre Ehre würde sich zwar nicht in einem Sieg begründen, aber in der Tatsache, dass sie sich nicht zwingen hatten lassen, dem Bösen zu dienen (. . .).

Den Widerstand der "Weißen Rose" würdigen wir heute auch stellvertretend für die anderen aktiv Widerständigen und für all diejenigen, die sich damals in Haltung und Handeln dem Unrechtsstaat verweigert haben. Es gab sie ja in allen Bevölkerungskreisen, zu allen Zeiten der NS-Diktatur, aus verschiedenen Überzeugungen und verschiedenen Motiven heraus. Wenn wir genau hinsehen, treffen wir Menschen, die menschlich geblieben sind in unmenschlichen Zeiten. Die anderen geholfen haben. Die anders gehandelt haben als die teils zustimmende, teils eingeschüchterte, schweigende Mehrheit (. . .).

Es gibt bis heute keine endgültigen Antworten auf die Frage, wer zu welcher Hilfe imstande ist. Bei allen Forschungen und allem Nachdenken über Zivilcourage: Es gibt immer noch keine Formel für Zivilcourage. Aber es gibt Vorbilder. Wer bereit ist, sogar sein eigenes Leben zu opfern, um andere - vielleicht viele - zu retten: Was sollte er oder sie anders sein als ein Vorbild? (. . .)

Unsere Bewunderung für die Mutigen und Selbstlosen damals speist sich ja immer auch aus einem vielleicht nicht wahrgenommenen, aber geheimen Verdacht gegen uns selbst: Hätten wir zu solchem Mut und solcher Selbstlosigkeit die Kraft gehabt? Oder wären wir nicht in der Lage gewesen, so zu handeln? Ich weiß, wovon ich spreche - ich spreche von mir. Ich weiß noch gut, wie ich als junger Mann, in dem Alter der jüngeren Studierenden hier im Raum, vor dem Radio saß und von dem polnischen Pater Maximilian Kolbe hörte, der im Konzentrationslager Auschwitz an Stelle eines Familienvaters in den Tod ging.

Später lernte ich die Geschichten um die Geschwister Scholl kennen. Und ich fragte mich immerfort in diesem jugendlichen Alter: Wie hättest du denn damals gehandelt? Dies ist eine häufig gestellte Frage im deutschen Vergangenheitsdiskurs. Viele unter uns, vielleicht wir alle, wir kennen diese Frage. Laut oder leise an uns selber gerichtet. Was antworten wir darauf? Würden wir uns selbst glauben, wenn wir sagten: Ich wäre bereit gewesen, zu sterben, damit jemand anderes überlebt? Wären wir bereit gewesen, unser Leben zu riskieren, um anzufangen, wo andere schweigen?

Die meisten von uns würden wohl zu dem Entschluss kommen, zu der einfachen Wahrnehmung: Nein, ich wäre nicht bereit gewesen, ich hätte das nicht gekonnt, mein Leben zu geben - weil ich meine Lieben nicht in Gefahr hätte bringen wollen, weil ich noch so viel Wünsche an mein eigenes Leben gehabt hätte oder weil ich mich ganz einfach gefürchtet hätte vor dem Tod. Umso mehr bewundern wir den Mut der jungen Frauen und Männer der "Weißen Rose".

Und nun kommt eine sehr wichtige Stelle, ein sehr wichtiges Scharnier. Wir können sie so bewundern, dass sie nichts mehr mit unserem Leben zu tun haben. Dann erstarren wir in Ehrfurcht. Der Freund von Sophie Scholl, Fritz Hartnagel, schrieb schon 1947 in einer Münchner Studentenzeitung: "Das sicherlich ehrliche Bemühen, ihr Gedächtnis zu wahren, birgt die Gefahr in sich, dass sie auf einem Denkmalsockel stehen, weit über unser tägliches Leben erhaben. Lasst sie uns hereinholen in unsere Hörsäle, lasst sie zwischen uns sitzen."

Ich habe eben das Wort Ehrfurcht benutzt. Aber in dem Wort "Ehrfurcht" steckt auch das Wort "Furcht". Wie falsch, uns davor zu fürchten, selbst niemals stark und mutig sein zu können! Wir müssen doch am Anfang unseres Lebens nicht wissen, was wir in der Mitte oder am Ende können. Warum sollte Furcht uns binden? Denn Furcht macht uns klein und verzagt. Vor allem drücken wir uns vor einer viel unbequemeren Einsicht: Wir können zwar nicht voneinander verlangen, Helden oder gar Märtyrer zu werden. Was wir aber voneinander verlangen können, ist, dass wir das jeweils Mögliche tun. Das, was wir heute können, was ich heute kann, das könnten wir doch wohl tun. Die entscheidende Frage lautet also nicht "Was hätte ich damals getan?", sondern: "Was kann ich heute tun?"

Und deshalb ist es so gefährlich, diejenigen, die uns ein Vorbild sind, in eine Weltenferne zu rücken, als kämen wir niemals dort hin. Wir müssen auch glauben können, dass in uns etwas steckt, was unzerstörbar ist. Wir müssen ahnen, dass es das gibt, ohne dass wir es schon genau definieren können. Wir müssen, wenn wir an uns glauben, einen Weg vor Augen haben, den wir noch nicht klar sehen, aber den wir uns zutrauen. Und die Furcht würde uns dieses Zutrauen nehmen. Deshalb Bewunderung ja, Liebe zu denen, zu denen wir aufschauen, ja, aber noch nicht eine Ehrfurcht, die unsere Lebenspotenziale von ihren trennen würde.

Die Fähigkeit zum Widerstand gegen autoritäre Herrschaft war übrigens kein Geschenk des Himmels, kein einmaliger Entschluss und auch niemals allein biografischer Zufall. Zudem zeigen viele Biografien von Widerständigen, dass Widerstand nicht einfach da ist, quasi genetisch vorhanden. Wir könnten uns merken: Widerstand ist nicht, Widerstand wird. Er beginnt damit zu hinterfragen, was andere nicht wissen wollen, oder Abstand zu halten zu denen, die Unrecht organisieren oder exekutieren. Er wächst aus dem, was uns begegnet, und aus dem, was wir darauf entgegnen.(. . .)

Föderal und europäisch - so erträumten sich der Kreisauer Kreis einst ebenso wie die "Weiße Rose" und viele andere Nazigegner die Zukunft, für die sie so optimistisch eintraten, obwohl sie wussten, dass ihnen Hitlers Nazideutschland mit ihrem Leben auch ihre Zukunft brutal nehmen könnte. "Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen Europas" - so hieß es in ihrem ersten Flugblatt. Wie wertvoll, dass wir dies heute erreicht haben! Wie wichtig, dass wir dies bewahren! (. . .)

So ist unser heutiges Gedenken Verneigung vor dem Mut und der Tapferkeit von Oppositionellen und Widerstandskämpfern. Aber zugleich ist es Aufforderung an uns Heutige, mit unserer Kraft für das einzustehen, wofür sie damals ihr Leben gegeben haben: für Menschlichkeit und Anstand, für Freiheit und Rechtsstaat. Ihre Geschichte zeigt uns das Menschenmögliche - im Schlimmsten wie im Besten. Holen wir doch die jungen Frauen und Männer der "Weißen Rose" immer wieder herein in unsere Hörsäle, in unsere Schulen, lassen wir sie doch zwischen uns sitzen. Und hören wir sie sagen: "Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen!"

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