Wenn die Masken fallen

Ein Abend mit viel tiefgründiger Unterhaltung: Mit der bitterbösen Komödie "Der Gott des Gemetzels" gastierte das Tournee-Theater Stuttgart in der Oberroter Kultur- und Festhalle.

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Véronique und Alain: Der Alkohol bewirkt die Eskalation. Fotos: Andreas Balko

Das Theaterstück "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza war 2011 von Starregisseur Roman Polanski genial verfilmt worden. Aber auch unter der Regie von Margarete Volz konnten die vier Schauspielerinnen und Schauspieler des Tournee-Theaters überzeugen. Die nahezu zweistündige Aufführung bot Sprachwitz, brillante Dialoge und tiefgründige Unterhaltung, die keine Langweile aufkommen ließ.

Hintergrund des Stückes ist eine Rauferei zwischen zwei elfjährigen Jungen. Ferdinand hat Bruno mit einem Stock verprügelt und ihm dabei zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Véronique (gespielt von Monika Wieder) und Michel Houillé (Klaus Ellmer), die Eltern des Opfers, empfangen in ihrer Pariser Wohnung Annette (Sophie Schneider) und Alain Reille (Dirk Deininger), die Eltern des kleinen Raufboldes. In Abwesenheit ihrer Kinder wollen die beiden Ehepaare nun den Konflikt auf zivilisierte Weise beilegen.

Véronique Houillé ist eine engagierte sozialkritische Schriftstellerin. Ihr Mann Michel betreibt einen Eisenwarengroßhandel und wirkt zunächst sehr besonnen. Annette Reille ist Vermögensberaterin, während ihr Ehemann Alain als erfolgreicher Jurist tätig ist.

Die Aussprache fängt friedlich bei Kaffee und Gebäck an. Annette und Alain geben sich schuldbewusst. Véronique und Michel bekunden, dass sie eine gütliche Übereinkunft anstreben. Unter Umständen sind sie sogar zur Vergebung bereit. Doch dann beginnt die Situation umzuschlagen und gerät immer mehr außer Kontrolle. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der ausgezeichnete Whisky, den Michel auftischt, und dem alle reichlich zusprechen.

Annette übergibt sich auf einen wertvollen und nahezu unersetzbaren Bildband, der Véronique gehört. Ständig wird das Gespräch durch Alain gestört, der ungeniert Anrufe entgegennimmt. Lautstark versucht er dabei, den Medikamentenskandal eines Unternehmens, das er vertritt, in den Griff zu bekommen. Außerdem klingelt immer wieder das Telefon der Houillés, weil Michels Mutter anruft. Es stellt sich heraus, dass sie eben jenes Medikament nimmt, dessen Nebenwirkungen Alain vertuschen will. Die Atmosphäre wird immer aggressiver.

Die Eltern von Ferdinand spielen die Tat ihres Sohnes herunter. Dagegen dramatisiert das Ehepaar Houillé, was ihrem Sohn Bruno widerfahren ist. Die Ehepaare beleidigen sich gegenseitig. Aber es brechen auch unbearbeitete Konflikte zwischen den Ehepartnern auf. Annette ertränkt das Handy ihres Mannes in einer Tulpenvase, weil sie von dessen Telefoniererei schon lange genervt ist. Michel entpuppt sich als Choleriker, der sogar den Hamster seines Sohnes in der Gosse entsorgt hat.

Der Alkohol bewirkt schließlich die Eskalation. Michel geht der heillos betrunkenen Annette an die Wäsche, und die scheint nichts dagegen zu haben. Die beiden Frauen raufen sich, während sich die Männer untereinander zeitweise verbünden. Und schließlich veranstaltet Annette ein Massaker an dem Tulpenstrauß.

Im Lauf des Stückes haben die wohlerzogenen und kultivierten Vertreter der modernen Gesellschaft zunehmend ihre Masken fallen lassen. Ihre Auseinandersetzungen offenbaren Aggressionen und zwischenmenschliche Abgründe. Nur Alain fühlt sich in seiner Weltanschauung bestätigt, denn er hat schon immer an den "Gott des Gemetzels" geglaubt.

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