Wenn die Glotze gierig ruft - Experte spricht über Medienkonsum

Wie kann man Kinder auf den richtigen Umgang mit den Medien vorbereiten? Unter dieser Fragestellung hatten die drei Oberroter Kindergärten zu einem gemeinsamen Elternabend eingeladen.

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Professor Dr. Rainer Patzlaff bei einem Vortrag im Bürgersaal des Oberroter Rathauses zum Thema "Medienkompetenz". Die Kindergärten Pusteblume, Regenbogen und Sankt Michael hatten dazu eingeladen. Foto: Andreas Balko

Für Dr. Rainer Patzlaff, der eine Professur an der anthroposophisch geprägten Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn inne hat, ist Medienkompetenz eines der wichtigsten Erziehungsziele, weil die Umwelt innerhalb der letzten Jahrzehnte von den Medien geradezu durchsetzt wurde. Das Medium Bildschirm ist für den Pädagogen kein Gerät wie jedes andere, da es eine enorme psychische Sogwirkung aufweise. Der Wissenschaftler umschrieb die Versuchungen des Fernsehens und des Computers mit den Stichworten: "Schalt mich ein! Du könntest was verpassen! Nur ganz kurz!"

Ein zu hoher Medienkonsum hat laut Patzlaff weitreichende negative Folgen. Zum einen drohe der Verlust der persönlichen Autonomie. Der Referent verwies auf ein Phänomen, das unter dem Stichwort "Hikikomori" zuerst in Japan beschrieben wurde. Gemeint sind damit Menschen, die unmittelbare soziale Kontakte auf ein Minimum reduzieren und sich ganz auf die virtuelle Welt konzentrieren.

Der zweite Preis, den Menschen für einen zu hohen Medienkonsum zahlen müssen, besteht für Rainer Patzlaff im Verlust von Gesundheit. Insbesondere Fettleibigkeit (Adipositas) sowie der sogenannte Altersdiabetes (Diabetes II) bei Kindern und Jugendlichen würden durch einen zu hohen Medienkonsum im frühen Alter angelegt. Wenn Kinder mehr als eine Stunde am Tag fernsehen, sei dies bereits riskant. Dies zeigten Studien aus den Vereinigten Staaten.

Wenn Kinder viel vor dem Bildschirm sitzen, droht als dritte Gefahr außerdem ein Rückstand bei der Gehirnentwicklung. Dies hat nach Patzlaff mit dem menschlichen Sehverhalten, der physikalischen Konstruktion der Bildschirme sowie der Wiedergabe von Filmen zu tun.

Zu Recht "Glotzkiste"

Um dies zu erklären, griff Patzlaff auf die Blickforschung zurück. Das Auge tastet in hoher Geschwindigkeit Merkpunkte eines Gegenstandes ab. Erst das Gehirn erzeugt daraus ein Bild. Bei der Wiedergabe von Filmen auf dem Bildschirm aber hat das Auge keine Zeit, das Bild abzutasten. Der Grund dafür liegt darin, dass sich das Bild in der Zeit, in der die Augen sich bewegen, bereits verändert. Das hat mit dem technischen Aufbau des Fernsehbildes in Zeilen und der Übermittlung in Halbbildern zu tun. Die Folge: Beim Fernsehen verringert sich die Zahl der Abtastbewegungen massiv. Die Augen werden zum Stillstand gezwungen. Das Resultat ist das, was Patzlaff den "gefrorenen Blick" nennt. Das Fernsehgerät werde deshalb durchaus zu Recht "Glotzkiste" genannt. Gerade für Kinder aber hat dies Konsequenzen für die Entwicklung.

Mit der Lähmung der natürlichen Abtast-Aktivität der Augen wird zugleich auch die Bewegungsaktivität des Kindes gelähmt. Damit aber wird die Verknüpfung der Gehirnstrukturen behindert.

Kinder die viel TV schauen, malen nur Strichmännchen

Dies zeigt sich zum Beispiel bei Bildern, die Kinder malen. Jungs und Mädchen, die durchschnittlich mehr als drei Stunden am Tag Fernsehen schauen, zeichnen im Einschulungsalter Menschen durchweg als Strichmännchen, anstatt die Figuren mit "Fleisch" zu versehen. Der Wissenschaftler drückte die Konsequenz provokant aus: "Wer die Entwicklung des Kindes massiv behindern will, muss sein Kind nur vor den Bildschirm setzen." In Anlehnung an den bekannten Hirnforscher Manfred Spitzer sprach er in diesem Zusammenhang von Kindesmissbrauch. Prof. Dr. Rainer Patzlaff rief dazu auf, den Medienkonsum im Kindesalter stark einzuschränken. Medienabstinenz sei eine wichtige Grundlage für den späteren gesunden Umgang mit den Medien. Aber dies dürfe nicht alles sein. Es komme darauf an, bei den Kindern künstlerische Tätigkeiten, aktives Musizieren oder leistungsfreie sportliche Aktivitäten zu fördern.

Dies sei nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil sich in der Pubertät die Medien nicht ausgrenzen lassen. Aber gerade dann komme es darauf an, dass Medien nur eine unter anderen Interessen sind.

Bei den Eltern war die Einladung zum Vortrag nur auf zurückhaltendes Interesse gestoßen. Neben wenigen Eltern hatten sich vor allem Erzieherinnen und Lehrerinnen eingefunden. Dr. Rainer Patzlaff führte dies auch darauf zurück, dass viele Menschen sich vor einer Änderung ihres Verhaltens scheuen.

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