Wenn der Tatort um die Ecke liegt: Über den Boom der regionalen Krimi-Literatur

Der Mörder ist meistens der Nachbar. Das ist zumindest eine Regel beim so genannten Regional- oder Heimatkrimi. Das Genre, in dem der Schauplatz oft wichtiger ist als der Plot, boomt seit einigen Jahren wie nicht gescheit, zwischen Geniestreich und dummem Zeug gibt es nichts, was nicht gedruckt würde. Die hiesigen Krimiautoren sind natürlich nur echte Könner . . .

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So mordet man in der Provinz: Selbst beim Umzug zum Hammeltanz in Onolzheim wurde schon ein Regionalkrimi gezeigt. Als Ermittler traten die Fußball-Senioren des SV Onolzheim auf. Archivfoto: Peer Hahn

Der seit Fernsehgedenkzeiten praktizierte Regionalproporz im "Tatort" ist schuld. Und "Books on demand" sowie das E-Book von "Amazon" und natürlich dieses Autorenduo aus dem Allgäu, Volker Klüpfel und Michael Kobr, das es irgendwie geschafft hat, Personen und Geschichten von eigentlich lokal begrenztem Interesse zum nationalen Hype zu entwickeln. Klüpfels/Kobrs Romane um den kässpatzenversessenen Kommissar Kluftinger sind auf die Bestsellerlisten sozusagen schon abonniert und nicht wenige hoffen, es ihnen gleichtun zu können.

Lass die Fantasie von der Leine und es gibt Mord und Totschlag. Abgesehen vom historischen Roman hat kaum ein literarisches Genre in den letzten Jahren einen Boom erlebt, der dem des Regionalkrimis vergleichbar wäre (wobei auch der historische Roman oft nichts anderes ist als ein kostümierter Krimi). Allein zwischen der Ostalb und dem Hohenlohischen, dem Schwäbischen Wald und dem Taubertal sind, sofern wir richtig recherchiert und gezählt haben, mindestens sechs Autorinnen und Autoren aktiv, ausgebuffte Profis ebenso wie ambitionierte Amateure.

Hall als Schauplatz krimineller Exzesse

Eine Ausnahmeerscheinung dürfte Tatjana Kruse sein: Die preisgekrönte Autorin schreibt ihre Krimis über den Haller Kommissar Siegfried Seifferheld nicht aus Lust, Laune und Mitteilungsdrang, sondern fürs Geld. "Es ist mein Job", sagt sie. Ihr Verlag habe Kleinstadt-Geschichten gewünscht. Dass ihr das Fabulieren und Geschichtenspinnen im Schatten von Würth und der Bausparkasse trotzdem großen Spaß macht, ist unverkennbar, von sich aus aber hätte Tatjana Kruse Schwäbisch Hall wohl eher nicht zum Schauplatz krimineller Exzesse gemacht - immerhin lebt sie hier. Sie fühle sich auch nicht als Regionalkrimi-Autorin, sagt sie, und verweist auf treue Leser hoch im Norden, die als exotisch schätzen, was das hiesige Publikum als heimisch liebt.

Daheim hat Tatjana Kruse dennoch das Kreuz der lokalen Krimitante zu tragen, der unterstellt wird, "hälenga" verborgene Wahrheiten ans Licht zu zerren. Ihre Texte werden oft nach Schlüsselszenen und -personen abgeklopft - Regional- oder Lokalkrimis siedeln halt doch ein ganzes Stück näher am Boulevard als an der "Baker Street".

Weniger professionell als neugierig hat sich Wolfgang Stahnke an die Arbeit gemacht. Der ehemalige Pfarrer nutzte seinen Ruhestand zunächst, um drei Krimis zu verfassen, die in und um Bad Mergentheim spielen; nun hat er einen "ernsthaften" historischen Roman vorgelegt. Seine Krimis um den Lokaljournalisten Uli Faber bezeichnet Stahnke als "Fingerübungen" - er habe wissen wollen, "ob ichs kann." Und als er mit dem ersten Faber-Roman zu der Überzeugung gelangt war, dass ers kann, legte er sich für seine "Taubertaltrilogie" erst recht ins Zeug.

Gaildorfer abgemurkst

Wegen der real existierenden Kulissen, die übrigens schonend behandelt werden sollten, werden Regional- oder Lokalkrimis mittlerweile auch als Werbeträger genutzt. Stahnkes Krimis etwa werden von der Bad Mergentheimer Kurverwaltung verschenkt, in Hall freut man sich über Touristen mit Kruse-Büchern in der Tasche, und in Schwäbisch Gmünd taucht schon mal der Landrat auf, wenn Anja Jantschik ihren neuesten Ostalb-Reißer vorstellt. Als Fan.

Da gehts dann auch nicht mehr ums schnöde Marketing, sondern um die regionale Zugehörigkeit, um Identität und die Verbundenheit in Mord und Totschlag. Scheints ist das ein erstrebenswerter Zustand: Die Gaildorfer etwa waren hocherfreut, als der Autor Jürgen Seibold entschied, auch mal einen der ihren abzumurksen.

Daheim in Mord und Totschlag

Kriminell Zahlreich sind die Autorinnen und Autoren, die in Baden-Württemberg Kriminalliteratur verfassen. Darunter befinden sich beispielsweise mit Ulrich Ritzel, Wolfgang Schorlau, Uta-Maria Heim oder Christine Lehmann auch einige ausgesprochene literarische Schwergewichte. Regionalkrimis zeichnet aus, dass sie räumlich sehr eindeutig zuzuordnen sind. Marita Ruess und Anja Jantschik ermitteln im Ostalbkreis, Jürgen Seibold hat den Schwäbischen Wald zu seinen Jagdgründen erwählt, Rudi Kost erzählt wie Tatjana Kruse aus Hall und Umgebung, neuerdings auch aus Stuttgart. Bei Crailsheim ist Wildis Streng aktiv, in Bad Mergentheim und im Taubertal sind es Wolfgang Stahnke und Uwe Reiner Röber. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit.

RIF

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