Wenn der Mond ruft

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Matthias Penselin und seine Schüler des Astronomiekurses am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim. Foto: Ufuk Arslan

Sehen Sie den?", fragt Matthias Penselin und deutet auf den Bildschirmhintergrund seines Laptops. "Das ist ein Wolf-Rayet-Stern. Er ist zu heiß und zu groß, weshalb er eine extrem große Gaswolke ausstößt. Er hustet sozusagen seine äußere Hülle ab." Das ist nur eine von vielen Kostproben seines astronomischen Wissens, das sich der Diplom-Physiker selbst angeeignet hat und als Lehrer am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim weitergibt. Auf fast jede Frage weiß der 49-Jährige eine Antwort. Wie viele Planeten gibt es? "Zurzeit kennt man 333841." Besteht die Gefahr, dass morgen einer auf die Erde trifft? "Theoretisch ja, aber weil Astronomen ständig vermessen und fotografieren, wüsste man es wohl Jahre zuvor."

Als sein Interesse für Astronomie erwachte, war Matthias Penselin 14 Jahre alt. Seine Eltern hatten ihm eine Pappröhre mit zwei Linsen gekauft, eine simple Konstruktion. Als er im Garten lag und durch die Röhre blickte - neben sich die Sternenkarte - sah er zum ersten Mal deutlich den Saturn. Mit pochendem Herzen betrachtete er den zweitgrößten Planeten unseres Planetensystems mit den markanten Ringen. Dass sich Matthias Penselin früh fürs Weltall interessiert hat, verdankt er seinen Eltern. Der Vater lehrte Physik an der Uni Bonn. Im Haus gab es Bilder und Bücher mit Sternen und Planeten. Die Andromeda-Galaxie, die auf einem Buchrücken abgebildet war, prägte sich bei Matthias Penselin besonders ein.

Nach dem Abitur zog er von Bonn nach Heidelberg, um Physik zu studieren. Statt mit dem Fernrohr zu hantieren, interessierte er sich nun für die theoretische Seite der Astronomie. Doch kein Dozent erklärte sich bereit, eine Vorlesung in Astrogeschichte zu halten. Deshalb erarbeitete er sich mit einigen Kommilitonen sein Wissen rund um die Himmelsgeometrie auf eigene Faust. "Das war ein langer Weg. Fragen Sie meine Frau", scherzt Matthias Penselin, der in Schwäbisch Hall lebt.

Seine Frau lernte er im Studium kennen. Bis heute verbindet sie das gemeinsame Musizieren: er spielt Bratsche, sie Geige. Und immer wieder bekomme seine Frau zu spüren, wie viel Zeit die Astronomie in Anspruch nehme. Dabei ist sie sozusagen mitschuldig. 15 Jahre ist es her, dass das Paar Urlaub in Dänemark machte. Abends saßen sie am Meer und spielten Scrabble, bis es dunkel wurde. Dann packte er die Sternenkarte aus und beide guckten in den Himmel. Zum nächsten Geburtstag schenkte seine Frau ihm ein Teleskop vom Discounter. Wie damals als Jugendlicher schaute er wieder gebannt in den Himmel, sah sich Jupiter, Saturn und den Mond an. "Der Mond fasziniert Kinder am meisten wegen der Gebirge", weiß der Vater von vier Kindern.

Seine Technik feilte Matthias Penselin mit den Jahren aus: Zuerst beobachtete er nur, dann schraubte er eine Digitalkamera aufs Stativ und fotografierte Planeten und Sterne. Er besuchte Lehrgänge, etwa im Heidelberger Haus der Astronomie, fachsimpelte in Foren mit Menschen, die das gleiche Interesse haben - und lernte so die Astronomin Carolin Liefke kennen. Sie machte ihm einen Vorschlag, der für Matthias Penselin "die Erfüllung eines Jugendtraums" bedeutet. "Hast du nicht Lust, mit den Faulkes-Teleskopen Fotos zu machen?", fragte sie. Die Faulkes-Teleskope sind mit einem Durchmesser von jeweils zwei Metern die größten fernsteuerbaren Teleskope der Welt. Mit dem Faulkes-Teleskop auf Hawaii fotografierte Penselin Anfang Januar per Computer den erdnahen Asteroiden Apophis mit einem Durchmesser von 300 Metern zusammen mit seinem Kollegen Martin Metzendorf vom Gymnasium Lampertheim und Lothar Kurtze von den Faulkes Telescopes. Apophis galt bis dato als potenziell gefährlich. Die Fotos, die die beiden Lehrer machten, halfen der Wissenschaft, Entwarnung zu geben: Apophis wird nicht am 13. April 2036 auf die Erde stürzen. Zudem können die Bilder nun im Unterricht besprochen und die Entfernung zu Apophis ausgerechnet werden. Auch seine Schüler vom Albert-Schweitzer-Gymnasium durften im Astronomiekurs die Teleskope steuern. Jedes Jahr wählen 10 bis 15 Schüler den Kurs, "Jungs und Mädchen gleichermaßen", freut sich der Pädagoge.

"Astronomie ist eine gute Möglichkeit, Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern." Zusätzlich bietet er Beobachtungsabende im Freien an. "Man muss den Nebel unterhalb des Sternengürtels mal gesehen haben, um es am PC zu verstehen."

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