Weltgebetstag "Ägypten" - Einblicke in ein zerrissenes Land

Im Fokus des Weltgebetstags steht immer wechselnd ein Land - in diesem Jahr Ägypten. Darüber hielt Pfarrer Heinrich Georg Rothe einen Vortrag, der seine Zuhörer zwar informiert, aber ratlos zurückließ.

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Informiert, weil er ein profunder Kenner Ägyptens ist - Pfarrer Heinrich Georg Rothe ist Islambeauftragter der Württembergischen Landeskirche. Und ratlos, weil er den rund 60 Zuhörern am Montagabend im Gemeindehaus in Eckartshausen ein Land in einer tiefen Krise vorstelle, ihnen aber keine Lösung aufzeigen konnte. "Es gibt keinen einfachen Ausweg. Wenn sich die unterschiedlichen Parteien nicht zusammenraufen, sehe ich schwarz."

Wer ist beteiligt? Die Muslimbrüder zuerst, die die Wahlen gewonnen haben, nachdem das Regime des Diktators Mubarak ("Der kommt in der westlichen Presse etwas zu gut weg") vor eineinhalb Jahren abgelöst worden war. Vorausgegangen war der verhältnismäßig friedliche Protest Tausender junger Ägypterinnen und Ägypter auf dem Tahrir-Platz. Nach der Wahl haben die Muslimbrüder versucht, demokratische Strukturen einzuführen.

Beteiligt ist auch das Militär, das die Muslimbrüder und deren gewählten Präsidenten Mursi vor einem halben Jahr weggeputscht hat. Grund: Die Muslimbrüder konnten das Land nicht regieren. "Sie hatten kein Konzept. Sie sind gescheitert", erklärt Rothe. Die neuen Machthaber brandmarken nun die Muslimbrüder als Terroristen. Rothe: "Aber man kann doch die Mehrheit in einem Land nicht als Terroristen verfolgen."

Dazwischen stehen die koptischen Christen, etwa zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung - so genau weiß das niemand. Die seien früher politisch zurückhaltend gewesen und hätten sich aus der Schusslinie gehalten. Doch nach dem Putsch hätten sie sich auf die Seite des Militärs gestellt. Kein Wunder, dass die muslimische Mehrheit verärgert ist. Es folgte, was folgen musste: "In rund 80 christlichen Kirchen hat es in den vergangenen Monaten gebrannt."

Das sind die Rahmenbedingungen, mit denen sich auch die Frauen in Ägypten auseinandersetzen müssen. Sie leben einerseits in einem Land, in dem extrem patriarchalische Strukturen herrschen - auch bei den koptischen Christen. Sie leben aber auch in einem Land, in dem es Frauen gab, die für den Arabischen Frühling gekämpft haben, Asmaa Mahfouz, zum Beispiel, die für ihren mutigen Einsatz für Meinungsfreiheit vom EU-Parlament den Sacharow-Preis verliehen bekam.

Allerdings: Die Christen befinden sich in der Minderheit, es gibt Übergriffe in steigender Zahl. "Wie das weitergehen soll, weiß ich nicht", sagt Rothe. "Die westliche Welt müsste dem Land Perspektiven aufzeigen und gegebenenfalls bereit sind, Geld zu geben - wie das etwa in Tunesien passiert ist." Denn wenn es den verschiedenen Gruppierungen nicht gelinge, an einen Tisch zu kommen, "sehe ich hier ein zweites Pakistan".

Mit ihren neu gewonnenen Kenntnissen wird der Frauenkreis in Oberaspach, der zu dem Vortrag eingeladen hatte, nun an die Planung des Weltgebetstags gehen. Um die Liturgie allerdings müssen sie sich nicht mehr kümmern. Das haben schon Frauen aus Ägypten gemacht, die heuer für ihre Glaubensschwestern weltweit die Lieder herausgesucht haben.

Info Der Weltgebetstag unter dem Motto "Informiert beten - betend handeln" läuft dieses Jahr am 8. März. Er ist ökumenisch und wird weltweit in christlichen Kirchen - aber nur von Frauen - begangen.

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