Weiter Protest gegen Whitesell

Abwarten, was nach Neujahr passiert: Das ist nun die Devise beim Schrozberger Automobilzulieferer Ruia, der nach der Übernahme durch den US-Investor ab 1. Januar 2014 unter Whitesell Germany firmiert.

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Firmenschilder mit neuen Namen wurden ja in den letzten Jahren schon des Öfteren ans Werk in den Herdwiesen montiert. In den kommenden Tagen dürfte der Schriftzug erneut wechseln, denn US-Investor Neil Whitesell hat die Übernahme der bisherigen Ruia Global Fasteners AG mit allen vier Werken und der Zentrale in Neuss zum Jahreswechsel perfekt gemacht (das HT berichtete), nachdem das Schrozberger Unternehmen früher schon Sükosim, Textron und Acument hieß.

Belegschaft, Management, Betriebsrat und IG Metall sehen den Einstieg der Amerikaner zwar weiter kritisch, müssen und wollen sich aber mit den Vertretern des neuen Eigentümers verständigen, die wohl - so wird bislang spekuliert - am 2. Januar am Standort auftauchen müssten. Details zum weiteren Vorgehen kennen selbst Gesamt-Betriebsratsvorsitzender Andreas Drzajic und seine Mitstreiter nicht. Ihr Ziel ist es, das Unternehmen mit insgesamt gut 1300 Beschäftigten langfristig und sicher aufzustellen. "Über die Umstände müssen wir selbstverständlich noch verhandeln", weiß Drzajic. Schriftlich informiert über die nächsten Schritte seitens der Whitesell-Group wurden bislang weder Mitarbeiter noch Werksleitung. Die Auftragslage dagegen ist trotz laufenden Insolvenzverfahrens gut und reicht bis weit ins Jahr 2014, hieß es. Und auch die Qualität stimmt offenbar.

Schon zu Ruia-Zeiten ein immenser Investitionsstau

Der Protest richtete sich einerseits gegen die angekündigten harten Schnitte bei der Belegschaft, die zwar bereit wäre, ihren Teil zur Sanierung des Unternehmens mitzutragen, von den Ausmaßen indes nicht begeistert ist. Es sollen tariflich zugesicherte Leistungen zusammengestrichen werden, was Gehaltseinbußen, Mehrarbeit und teilweisen Verzicht auf Sonderleistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld mit sich brächte. Im nun zumindest vorläufig überfälligen Sanierungstarifvertrag war die Rede vom Zehn-Millionen-Euro-Anteil der Belegschaft über sechs Jahre, mithin 60 Millionen.

Denselben Betrag war Neil Whitesell von seiner Seite aus bereit zu investieren - eine dringende Angelegenheit, denn schon zu Ruia-Zeiten bestand ein immenser Investitionsstau. Nötig sind nicht nur in Schrozberg neue Maschinen und Pressen.

Außerdem monierten die Ruia-Leute, dass das Whitesell-Management bei aktuellen Kunden Preiserhöhungen von bis zu 40 Prozent angekündigt haben soll, was von Whitesell allerdings bestritten wird. Entsprechende Bestätigungen seitens der Kundschaft lägen indes vor, hieß es von Gewerkschaftsseite. Kurz: Die Fronten waren (und sind) schon vor der Übernahme verhärtet.
 
Verspieltes Vertrauen der Belegschaften zurückgewinnen

Kurz vor Heiligabend überschlugen sich die Ereignisse, berichtet der Betriebsrats-Vorsitzende. Am 23. Dezember kamen aus Richtung Whitesell Zeichen, sich unter bestimmten Bedingungen aus dem Kaufvertrag zurückzuziehen, nachdem sich eine breite Front gegen die Übernahme aufgetan hatte. Kommunikationsprobleme sorgten danach für Missverständnisse auf beiden Seiten, sodass erst am zweiten Weihnachtstag wieder etwas von der Insolvenzverwaltung zu vernehmen war. Per Fax aus der Kanzlei Dr. Kebekus kam die Erklärung, dass Neil Whitesell jetzt doch bereit wäre, das Unternehmen zu übernehmen. Am Tag darauf wurde die Whitesell-Pressemitteilung herausgegeben, aus der das HT zitiert hat. Der Wortlaut: "Die Whitesell-Group übernimmt den Geschäftsbetrieb der Ruia Global Fasteners AG". Für Drzajic bedeutet das die Übernahme aller fünf Standorte und aller Beschäftigten.

Nach wie vor sieht der Betriebsrat die Lage als "fatal für unser Unternehmen", heißt es im Begleittext zu einer Presseerklärung vom 28. Dezember. "Abgesehen von wichtigen Verträgen mit Kunden haben die Mitarbeiter bis zum heutigen Tag noch kein Schreiben von Whitesell bekommen, in dem sie ihr Einverständnis zum Übergang ihrer Verträge an Whitesell" hätten erklären können.

Und auch die IG Metall Düsseldorf-Neuss äußert nach wie vor Bedenken. Für den 2. Bevollmächtigten Heiko Reese stellt sich die Frage, "ob die Übernahme zum 1. Januar in allen Punkten ausreichend vorbereitet wurde und der Geschäftsbetrieb somit reibungslos weiterlaufen kann - ein in der Automobilzulieferindustrie mit Just-in-Time-Fertigung neuralgischer Punkt". Reese am Samstag weiter: "Sollte Whitesell wirklich zum 1. Januar übernehmen, muss er das Vertrauen der Belegschaften gewinnen, das er in den vergangenen Wochen verspielt hat. Am besten mit einer langfristigen Standort- und Beschäftigungssicherung." Bis jetzt habe Whitesell eine solche Garantie immer verweigert. Immerhin, so Reese weiter, "ist es nicht nur Whitesell, der das Unternehmen aus der Insolvenz führen kann". Es gebe mehrere weitere Kaufinteressenten.

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