Von Giften lahmgelegt: Hermann Kaiser berichtet von Odyssee durch Medizinbetrieb

31. Dezember 2013: Nach 49 Minuten läuft Hermann Kaiser (60) beim Silvesterlauf in Hengstfeld ins Ziel. 2009 das für ihn unvorstellbar gewesen. Damals saß er lahmgelegt von Psychopharmaka zu Hause.

|

Ende 2009 war einer der Tiefpunkte in der langen Krankheitsgeschichte, die der Uttenhofener Hermann Kaiser erzählt. Mit wachem Blick sitzt er vergangene Woche in der Zeitungsredaktion und erzählt von seiner Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken, von Besuchen bei Heilpraktikern, Neurologen und weiteren Fachärzten. Mitgebracht hat er medizinische Bücher, eine handgeschriebene Liste mit Notizen. Er hat sich vorbereitet, will die Sachverhalte präzise vermitteln. Den Dingen detailgenau auf den Grund zu gehen, ist ein Charakterzug von Kaiser, das wird im Lauf des Gesprächs deutlich. Hermann Kaiser wirkt stabil und abgeklärt.

Rückblende: Zwischen 1974 und 1976 arbeitete Hermann Kaiser bei einer Waffenfirma im Haller Westen. Dort wurden Karabiner und Gewehre aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg repariert oder unbrauchbar gemacht und verkauft. Kaiser hatte oft damit zu tun, die in Containern angelieferten Gewehre zu reinigen. Diese waren teilweise unbenutzt und deshalb noch dick eingefettet. Zum Entfernen der Schmiere verwendete er das damals übliche - inzwischen verbotene - Lösungsmittel Trichlorethylen. Weil die Firma ihren Sitz nach Überlingen (Bodensee) verlagerte, wechselte Kaiser zu Recaro. Bis heute arbeitet er dort.

1975 tauchten erstmals die Krankheitssymptome auf, die Kaiser über Jahrzehnte das Leben erschwerten: Schwindel, Kreislaufprobleme. Er hatte einen Druck im Kopf. Ihm war schlecht, er konnte fast nichts mehr essen. Ärzte untersuchten und behandelten. Allergien und Depressionen kamen hinzu. Schließlich hieß es: "Das ist psychisch." Der Mechaniker bekam Antidepressiva, machte eine Verhaltenstherapie. "Ich wurde ruhiggestellt", bewertet Kaiser rückblickend den Behandlungsansatz. Er suchte Hilfe bei verschiedenen Ärzten. "Ich war überall." Kaiser probierte zahlreiche Therapien aus. Wie viel Geld er in all den Jahren für Behandlungen ausgegeben hat, will Kaiser nicht sagen. "Mit den Jahren wurde ich selbst zum Fachmann." Es war eine Zeit, die auch die Familie sehr belastet hat.

Phasenweise gelang es Kaiser, mit Joggen seine Beschwerden zu reduzieren, die Psychopharmaka abzusetzen. Aber: Danach tauchten die Beschwerden stärker auf. Kaiser: "Heute weiß ich, dass durch das lange Laufen der Fettstoffwechsel angekurbelt wird. Die Giftstoffe, die im Fettgewebe und in den Nervenzellen deponiert sind, werden gelöst. Aber: Sie gehen in den Darm und werden dort teilweise wieder aufgenommen und erneut im Körper eingelagert. Wer Gifte ausleiten will, braucht ein Gegengift, das die Stoffe aus den Zellen löst und bindet."

Dass möglicherweise eine Vergiftung die Ursache seiner Krankheit war, darauf kam Kaiser 2010 im Gespräch mit einer Ärztin. Damals war er seit einem Jahr so krank, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Den Behandlungsansatz seiner anderen Ärzte wollte er nicht mehr mittragen. Er nahm wieder Psychopharmaka, sollte in eine Psychosomatische Klinik. Die Medikamente machten ihn noch kränker. Kaiser: "Ich saß im Eck auf dem Sofa und traute mich nicht mehr aus dem Haus." Die Medizinerin indes prüfte die Krankengeschichte, fragte nach, wann die Symptome zum ersten Mal auftraten. Da wurde für Kaiser der Zusammenhang ersichtlich: 1975 war das, als er mit dem Lösungsmittel arbeitete.

Die Ärztin schickte ihn zu Dr. Peter Binz in Trier, Neurologe und Umweltmediziner. "Ein rotes Tuch für Berufsgenossenschaften, Gerichte, für alle", sagt Wilhelm Kaiser erklärend. Die Tests, die Binz durchführte, belegten eine hohe Belastung mit Schadstoffen, vor allem Schwermetallen. Kaisers erster Gedanke: "Wunderbar. Jetzt kann ich mich behandeln lassen." Doch der Schock folgte. "Herr Kaiser, sie werden nicht mehr arbeiten können. Das Trichlorethylen bekommen Sie nicht mehr aus ihrem Gehirn, aus ihrem Körper raus", erinnert sich Kaiser an Binz Prognose.

Mit dem schulmedizinisch nicht anerkannten Bioresonanz-Verfahren und bei Aufenthalten in einer von den Krankenkassen anerkannten Spezialklinik Neunkirchen ließ sich Kaiser entgiften, anschließend wurde die Behandlung vom Würzburger Umweltmediziner Peter Jennrich fortgesetzt. Die Klinikaufenthalte waren die einzigen Kosten, welche von den Kassen übernommen wurden, betont Hermann Kaiser. Nach einer Behandlungszeit von drei Jahren ist Kaiser inzwischen wieder so weit hergestellt, dass er vergangenes Jahr mit der Wiedereingliederung beginnen konnte. Seit Ende 2013 arbeitet Kaiser wieder voll.

In den vergangenen Jahren hat Kaiser versucht, seine Krankheit als Berufskrankheit anerkennen zu lassen. Aber die Gerichte gaben der Berufsgenossenschaft recht. Deren Haltung: Die Mengen an Trichlorethylen, mit denen Kaiser in Berührung gekommen ist, reichten nicht aus für die Schwere dieses Krankheitsbildes.

Kaisers Impuls, dennoch in die Öffentlichkeit zu gehen: anhand seiner Krankheitsgeschichte zeigen, wie Umweltgifte wirken können. Er will darstellen, dass Betroffene zu Unrecht als psychisch Kranke abgestempelt werden. Und er will Ärzte und Betroffene für das Thema sensibilisieren - über die Folgen von Umweltgiften sei noch viel zu wenig bekannt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eine schleichende Entwertung

Um Fleisch zu Sonderpreisen wird heftig diskutiert. Eine Ausstellung in Bad Mergentheim zeigt, wie kreativ unsere Vorfahren Fleisch auf ihren Speisezettel brachten. weiter lesen