Von der Mähwiese in den Kampf

15 Gäste erinnern bei einem Erzählnachmittag im Enslinger Bürgerhaus an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus der alten Gemeinde Enslingen. Auch dort verursachte der Krieg viel Leid.

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    Johanna Raichle (gebürtige Gaisdorferin) und Hermann Engelhardt (Schönenberg) blättern in der Ehrenchronik des Jahres 1936. Foto: 
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August, Ernst und Friedrich Kraft sind auf dem Hof in Schönenberg geboren und groß geworden. Alle drei Brüder sind Opfer des Ersten Weltkrieges. Zwei Gedenktafeln über ihr Schicksal sind Teil einer Reihe von Gedenkformen in der damaligen Gemeinde Enslingen, Gaisdorf und Schönenberg. Beide, inzwischen archivierten, Tafeln wurden 1919 gefertigt und von Heinz Rössler schreinermäßig restauriert. Vor- und Zunamen, Orte und Datum geben Auskunft über den "Heldentod" von 22 der insgesamt 85 ausmarschierten Kriegsteilnehmer.

Auf die Nachricht vom Tod der "Söhne unserer Gemeinde" folgt das Gedenken in Form der "Feiern zum Gedächtnis der Gefallenen". Beständig ist das auf der Empore der St.-Briccius-Kirche angebrachte äußere Zeichen des Gedächtnisses durch die, von der Pfarrfrau mit Hilfe der Konfirmanden und dem Jungfrauenverein hergestellten, Trauerkränze mit Schleifen in "den vaterländischen Farben".

Überrascht sind die Teilnehmer vom Inhalt des übergroßen, eisenbeschlagenen Bandes in der Tischmitte. Nach dreimaligem Umblättern vielversprechender Ankündigungen folgen leere Seiten. Anders die 1936 angelegte, sichtlich abgegriffene Ehrenchronik 1914-1918. Die per Fragebogen eingeholten Daten und Fotografien der Gefallenen und Heimgekehrten sind in Form von Ehrenurkunden dargestellt. Bis Mitte der 1960er-Jahre erinnert das 1922 errichtete Kriegerdenkmal auf dem Kirchhof an die Gefallenen. Die Entstehung geht auf eine Initiative der Kriegsteilnehmer zurück, die Spenden sammelten.

Für Walter Müller ist das Denkmal mit seinem rundum laufenden Rand in Sitzhöhe fester Bestand seiner Kindheit. "Hier haben wir uns nach dem Spielen und Toben hingesetzt und ausgeruht." Der heute vertrauten Neugestaltung mit den beiden Bronzetafeln in der Nische an der Kirchhofmauer geht ein langwieriger gemeinschaftlicher Entscheidungsprozess im Kirchen- und Gemeinderat voraus. Die Tafeln beinhalten die Namen der Gefallenen und Vermissten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Wie aber sieht es mit den Kriegsversehrten aus? Beinamputiert kehrt Friedrich Giebler aus dem Krieg zurück. Seine frühere Arbeit auf dem Bau steht außer Frage. Chancen sieht er anlässlich der aktuellen Mesnerwahl. Hier allerdings kommt ein zweiter Kandidat zum Zug. Die Stimmung in der Gemeinde ist auf der Seite des Kriegsversehrten. Die Entrüstung steigert sich zu "großer Erregung" und "Wutausbrüchen, an denen sich auch Frauen beteiligten". Durch Wahlwiederholung heißt der neue und langjährige Mesner Friedrich Giebler. Heute noch hat Hedwig Schön das "regelmäßige klopfende Geräusch" in den Ohren, wenn der Mesner mit seinem Holzbein die Treppe in den Kirchturm erklimmt, um die Uhr aufzuziehen. "Das gehörte dazu wie das Glockenläuten."

Was es heißt, vom "Beharken in der Mahd" weg in den Krieg gerufen zu werden, ist dem Tagebuch von Karl Feuchter aus Gaisdorf zu entnehmen. Auf ihn gehen Hinweise auf französische Kriegsgefangene und Wachleute im Weiler zurück. Aus einem anderen Blickwinkel wiederum berichtet Pfarrer Fink über das Verhältnis von Kriegsgefangenen und Wachleuten mit den Bürgern vor Ort.

Betroffenheit lösen die Briefe von Marie Ekstein an ihren Mann im Feld aus. Daraus wird ihr schwerer Stand durch persönliches Leid und über die Kräfte gehende Arbeit auf dem Hof deutlich. Dabei reflektiert sie Zustände und beschäftigt sich mit Glaubensfragen.

Lokale Nachrichten, Gedichte, Todesanzeigen und Ehrenkreuzträger im Haller Tagblatt stiften Rückschlüsse auf vorhandenes Archivmaterial und Alben aus Privatnachlässen. Hermann Engelhardt resümiert. "Wenn es zum Ersten Weltkrieg schon so viel Material gibt, wie viel muss es dann erst zum Zweiten Weltkrieg geben?"

Info Den Text sendete Liselotte Kratochvil vom Arbeitskreis Ortsgeschichte Enslingen ein.

Drei Brüder sterben innerhalb eines Monats - Zimmerei ohne Erben

Firmenende Das Ende der Zimmerei Philipp in Enslingen: Am 28. Februar 1916 stirbt Friedrich Philipp, Zimmermann in Enslingen, im Alter von 57 Jahren. Die Hoffnung auf die weitere Existenz der Zimmerei liegt auf dem einzigen Sohn Karl. Soweit soll es nicht kommen. Nach der Ausbildung und den Wanderjahren in der Schweiz wird Karl Philipp eingezogen. Er fällt am 24. 9. 1916 in Messines und wird dort auf dem Militärfriedhof begraben.

Familientragödie Dreimal Kraft auf der Gefallenentafel: August, Ernst und Friedrich Kraft sind auf dem Hof in Schönenberg geboren und groß geworden. Im Alter von 27 Jahren fällt August Kraft am 9. Oktober 1918 bei einem Sturmangriff in der Argonnenschlacht. Ernst Kraft tritt mit 26 Jahren den Militärdienst an. Er erkrankt im Einsatz an Grippe und stirbt am 1. November 1918 im Lazarett in Namur. Friedrich Kraft wird im Alter von 21 Jahren eingezogen. Er stirbt am 25. Oktober 1918 während seinem Heimaturlaub an Hirn- und Lungenentzündung.

SWP

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