Unterwegs mit Taxifahrer Siegfried Sacher

Ein HT-Reporter nimmt auf der Rückbank eines Taxis Platz – Ein Wochenenddienst beim Crailsheimer Unternehmen Aksoy.

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  • Nachts wie tags: Die Straßen im Großraum Crailsheim kennt der Taxifahrer Siegfried Sacher wie seine Westentasche. Unerfahrenere Kollegen wenden sich gern an ihn, wenn das Navigationssystem mal nicht weiter weiß. 1/3
    Nachts wie tags: Die Straßen im Großraum Crailsheim kennt der Taxifahrer Siegfried Sacher wie seine Westentasche. Unerfahrenere Kollegen wenden sich gern an ihn, wenn das Navigationssystem mal nicht weiter weiß. Foto: 
  • "Es ist ein Dienstleistungsberuf": Fahrgästen hält Siegfried Sacher stets die Tür auf. Die Freundlichkeit macht sich auch beim Trinkgeld bemerkbar. 2/3
    "Es ist ein Dienstleistungsberuf": Fahrgästen hält Siegfried Sacher stets die Tür auf. Die Freundlichkeit macht sich auch beim Trinkgeld bemerkbar.
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Die Suche nach einem geeigneten Einstieg für einen Bericht über die Nachtarbeit des Taxifahrers birgt für den Verfasser die Qual der Wahl: Zum einen liegt die historische Fahrt des Journalisten Hans Hermann Theobald nah, der mit dem Droschkenfahrer Gustav Hartmann (der "Eiserne Gustav") eine Kutschenfahrt von Berlin nach Paris unternahm, um dem 1-PS-starken Gefährt ein Denkmal im Kampf gegen das gerade aufblühende motorisierte Taxi-Geschäft zu setzen.

Doch auch in der Popkultur finden sich einige kernige Fahrertypen wie Bruce Willis in "Das fünfte Element", der in ferner Zukunft Passagiere herumfliegt statt sie zu kutschieren - oder Jamie Foxx, der sich in "Collateral" dazu gezwungen sieht, einen Serienkiller von A nach B zu bringen.

Einen Vergleich mit derlei Figuren braucht Siegfried Sacher, Fahrer beim Crailsheimer Taxi-Unternehmen Aksoy, kaum zu fürchten - eine gewisse Unerschrockenheit, so meint er, brauche jeder in der Branche. "Nachts an Wochenenden musst du unter Fahrgästen auf einige Überraschungen gefasst sein", sagt "Taxi Driver Sigi" (wie er auf Aksoy-Visitenkarten genannt wird), als er von der Firmenzentrale in Richtung der gängigen Stellplätze aufbricht. Am Bahnhof und am Karlsplatz in der Innenstadt dürfen unbesetzte Taxis in Crailsheim parken und auf Fahrgäste hoffen.

Ruhe bewahren und keine Angst zeigen

"Einmal, auf dem Weg nach Gaildorf, hat einer der Fahrgäste ein Messer gezückt und sagte zu mir: ,Wenn du uns abzocken willst, dann steche ich dich ab. Das war das bisher schlimmste Erlebnis für mich." In solchen Fällen, macht Siegfried Sacher klar, müsse man Ruhe bewahren. "Wenn du Angst bekommst, riechen solche Leute das sofort." Als letzte Option bleibt immer noch die Flucht: Taxifahrer dürfen ohne angelegten Gurt Passagiere befördern, um im Notfall in Sekundenschnelle das Auto verlassen zu können - hätte Jamie Foxx als entführter Taxifahrer nur einmal daran gedacht.

Auch weniger dramatische Anfeindungen - gerade unter betrunkenen Mitfahrern - erlebt Siegfried Sacher zuhauf. "In den sechs Jahren, in denen ich das jetzt schon mache, hab ich mich an so einiges gewöhnt. Aber ich habe gelernt, mir nicht alles gefallen zu lassen - wenn jemand mit Beleidigungen und blöden Sprüchen nicht aufhört, dann muss er eben aussteigen." Diese Nachtschicht aber gehört zu den ruhigeren.

"Ich lerne einen Haufen neuer Leute kennen"

Das gibt Sacher genug Gelegenheit, die schönen Seiten an seinem Beruf darzustellen. Überall winken Fußgänger, nicken ihm Leute zu. "Ich habe einen großen Kreis an Stammkunden", kommentiert er das. Grinsend lässt er durchblicken, dass er über viele von ihnen mehr weiß, als er sagen will: "Als Taxifahrer bekommst du so einiges zu hören." Eine gute Portion Menschenkenntnis, vielleicht sogar ein Talent als Alltagspsychologe, rät Sacher jedem, der sich auch einmal in seinem Beruf versuchen will. "Das ist", sagt er weiter, "das Beste am Job - ich komme mit Menschen ins Gespräch, lerne ständig einen Haufen neuer Leute kennen."

Mit den Worten: "Sigi, wir wollen unbedingt mit dir fahren!", ordert eine Stammkundin den Fahrer, der sie von einer Kneipe zur nächsten bringen soll - "und morgen früh", prognostiziert Sacher, "bringe ich sie vermutlich noch nach Hause, bevor ich Feierabend mache." Die zwölfstündige Nachtschicht beginnt um 18 Uhr, "Kaffee und Zigaretten" halten Sacher wach.

Das genau Ende einer Nachtschicht ist natürlich nie abzusehen. "Wenn ein Kunde heute noch nach München will, was schon vorgekommen ist, bringe ich ihn nach München - egal, wann ich dann nach Hause komme.".

Fast schon entschuldigend erklärt er, warum die feierwütigen Fahrgäste diesmal rar gesät sind - die Diskothek "Club Factory" hat augenblicklich geschlossen, "das spüren wir deutlich." Die Fahrgäste in dieser Nacht sind eher Heimkehrer vom Crailsheimer Kulturwochenende. Egal, wer da einsteigt, allen hält Sacher die Tür auf. "Wenn ich in Rente gehe", das weiß er jetzt schon, "schreibe ich mal ein Buch über all meine Erlebnisse."

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